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Kommentar: Mehr Rechte für russische Kinder

Von   /  25. April 2012  /  Keine Kommentare

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Von Vera Ryklina für RIA Novosti

Heute findet in St. Petersburg ein Treffen zum Thema Rechte der Kinder statt, an dem Vertreter von Kinderhilfsorganisationen und zuständige Beamte aus 83 Regionen Russlands teilnehmen. Wie der Kinderrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, Pawel Astachow, vor einer Woche ankündigt hat, wird eines der wichtigsten Themen die Suche nach vermissten Kindern sein.

In Russland ist die Zahl der verschwundenen Kinder zuletzt stark angestiegen. Mit der Suche nach ihnen sollte sich eigentlich die Polizei befassen, während sich die Kinderrechtler auf die Kinderrechte konzentrieren sollten. Das Problem ist aber, dass die Kinder in Russland faktisch keine Rechte haben, so dass ihren Verteidigern nichts anderes übrig bleibt, als über ihre Probleme zu sprechen und unwesentliche Erfolge vorzuweisen.

Die Verteidigung der Kinderrechte verläuft weltweit unterschiedlich: In Asien kämpfen die Kinderrechtler gegen die Kinderausbeutung, in Afrika gegen die Hungersnot und schwere Krankheiten.

In Europa und den USA ist ein anderes Problem immer akuter: Dort leben viele Kinder zwar mit ihren Eltern, werden von diesen aber vernachlässigt, weder kontrolliert noch erzogen und bisweilen nicht einmal ernährt. Solche Kinder werden daher als „latente soziale Waisen“ bezeichnet. Das bedeutet, dass die Kinder in der modernen Welt häufig vor ihren eigenen Eltern beschützt werden müssen.

In Russland ist dieses Problem noch viel schlimmer als in den meisten europäischen Ländern und in Amerika. Denn dort wurde zumindest ein Kontroll- bzw. Hilfssystem eingerichtet, während in Russland erst noch derartige Ideen formuliert werden.

Hunderttausende Kinder werden vernachlässigt

Russische Kinder haben so viele Probleme, dass die 83 Kinderrechtler damit nicht einmal theoretisch zu Recht kommen können. Über „latente soziale Waisen“ gibt es keine Statistik: Die Kinder, die von ihren eigenen Eltern vernachlässigt werden, können nicht gezählt werden.

Wie der Moskauer Kinderrechtsbeauftragte Alexej Golowan, der vor kurzem den Verband der Kinderrechtler in den Föderationssubjekten geleitet hatte, sagte, gab es in Russland vor drei Jahren etwa 800 000 offiziell registrierte Waisen, die in Heimen lebten oder bei den Betreuungsbehörden als verwahrlost gemeldet sind. Neuere Angaben soll es nicht geben.

Das Kinderhilfswerk UNICEF hatte 2009 die Ergebnisse einer langjährigen Studie über die Lebensqualität der Kinder in Russland veröffentlicht. Nach den Angaben, die auch das russische Statistikamt Rosstat anerkennt, werden jedes Jahr 120 000 neue Waisen registriert. Weitere 60 000 verwahrloste Kinder wenden sich jedes Jahr an medizinische Einrichtungen wegen Krankheiten, die durch fehlende Hygiene entstanden waren. Das sind zusammen jährlich fast 200 000 Kinder – und das ist nur die Spitze des Eisberges.

Es kann nur vermutet werden, wie viele Kinder von ihren Eltern in einem Alter vernachlässigt werden, in dem sie ihre miserable Lage nicht begreifen können. Um eine vage Vorstellung davon zu bekommen, reicht es aus, sich die TV-Nachrichten anzusehen: Mal sind die Eltern abends in die Disco gegangen und haben ihre Kinder zu Hause gelassen, wobei das Haus abgebrannt ist. Mal ist eine Mutter zu Besuch gegangen, und ihr Kind nahm einen Heizlüfter mit ins Bett, das dann in Flammen aufging. Dem Kind mussten beide Beine amputiert werden.

In der Stadt Jakutsk wurde ein kleines Kind aus dem fünften Stockwerk geworfen oder ein achtjähriger Junge ist draußen erfroren, weil seine betrunkenen Eltern ihn nicht in die Wohnung gelassen hatten.

Die Alkoholsucht, eines der schlimmsten Übel der russischen Gesellschaft, verschlimmert die Lebenssituation der Kinder: Einige von ihnen haben keine akzeptablen Lebensbedingungen, einigen bleibt eine gute Ausbildung und medizinische Pflege verwehrt – Einige der Kinder sterben, weil sie nicht behandelt werden.

Sehr schwierige erste Schritte

1990 hatte die Sowjetunion die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Kurze Zeit später entstanden Hilfsorganisationen in Russland. Die Kinderrechtsbeauftragten, die diese Woche in St. Petersburg zusammentreffen, entstanden als Institution auf Empfehlung der UNO.  Es wäre jedoch ein Fehler zu behaupten, dass keine Erfolge im Bereich der Kinderrechte erzielt werden. Ihre im Ausland gesammelten Erfahrungen kommen allmählich zum Tragen, manchmal durchaus erfolgreich.

Viele Länder haben Babyklappen eingerichtet – Orte, wo junge Mütter ihre Babys anonym abgeben können. Dadurch konnte die Sterblichkeit unter Säuglingen wesentlich verringert werden.

Darüber hinaus wurden in allen russischen Regionen Hotlines für Kinder eingerichtet, wo sie nach Hilfe fragen können. Allerdings ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die frühere Moskauer Vize-Bürgermeisterin für Soziales Ljudmila Schwezowa führte an, dass die Moskauer Hotline lediglich 20 bis 40 Anrufe täglich erhalte. Doch aller Anfang ist schwer: Für den Erfolg muss noch viel getan werden.

„Dafür müssten sich unsere Mitbürger verändern“, stellt die Soziologin Irina Kowaljowa fest. „Wenn die Russen ihre Kinder  nicht grundsätzlich anders betrachten, wird sich nichts ändern.“

Ein Durchschnitts-Russe, besonders wenn er in einer Kleinstadt bzw. auf dem Lande lebe, halte die Kinder für minderwertig und für eine Art „Eigentum“ ihrer Eltern, bedauerte Kowaljowa.

Laut einer Studie des russischen Instituts für Soziologie vom Jahr 2010 schlagen etwa 50 Prozent der erwachsenen Russen ihre Kinder. Für sie handelt es sich um eine „Erziehungsmaßnahme“. Dabei geht es nicht um spontane Ohrfeigen, sondern um körperliche Strafen.

„Für die Hälfte der Russen ist das eine Regel“, stellte die Expertin fest. „Wenn ein erwachsener Mensch ein Kind schlägt, dann überschreitet er eine Grenze. Er kontrolliert seine Emotionen nicht und lässt seinem Ärger, seiner Müdigkeit und Unzufriedenheit freien Lauf. Die internationalen Erfahrungen sprechen dafür, dass sich die Situation dadurch nur noch verschlimmert.“

Debatten um Jugendjustiz

Neben den Hinweisen auf die richtigen Erziehungsmethoden müssten aber auch jene strafrechtlich härter zur Verantwortung gezogen werden, die die Kinderrechte verletzen, so Rechtsanwältin Angela Rogowa. Wenn den Eltern eine Strafe drohe, würden sie sich zurückhalten.

Deshalb besteht die wichtigste Aufgabe der russischen Kinderrechtler für die nächsten Jahre offenbar in der Entwicklung der Jugendjustiz: Erst dann wird die russische Gesellschaft verstehen, dass auch Kinder Rechte haben. Und erst dann sind Konferenzen der Kinderrechtler wirklich sinnvoll.

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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