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Expat-Frauen in Moskau: Mann verzweifelt gesucht

Von   /  19. Juli 2013  /  Keine Kommentare

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rian.- An einem lauen Sommerabend spaziert Stefania durch Moskau. Die Italienerin ist Anfang 30 und sieht aus wie eine Frau vom Cover einer Modezeitschrift. Im orangenfarbenen Kleid, mit manikürten Fingernägeln und gestylter Frisur passt sie perfekt ins Bild einer sehr femininen und modischen bewussten Frau in der russischen Hauptstadt.

„Man muss sich bunt anziehen, als wäre man eine Ampel – hohe Absätze, Minirock, Haare, Nägel – um die Männer auf sich aufmerksam zu machen“, sagt Stefania. „Bekanntschaften, Flirts und Dates in Moskau – das ist Krieg. Dein Aussehen ist deine einzige Waffe.“ Doch obwohl Stefania sehr attraktiv ist und Männer ihr hinterher schauen, ist ihr Privatleben als weiblicher Expat in Moskau ein einziger Kampf. „Bekanntschaften mit russischen Männern enden im Nichts“, seufzt sie. „Ich glaube, ich bleibe Single, bis ich Russland verlasse.“

Genügend heiratsfähige Russen

Stefania ist nur eine von vielen gutaussehenden und beruflich erfolgreichen weiblichen Expats in Russland, die sich mit ihrem Single-Dasein in der russischen Metropole abfinden müssen. Nach  Angaben des Moskauer Standesamtes heirateten im vergangenen Jahr in Moskau 1781 Ausländer russische Frauen. Nur 228 Ausländerinnen gingen mit russischen Männern den Bund der Ehe ein. Ein Verhältnis von eins zu acht. Aber warum haben Expat-Frauen im Gegensatz zum männlichen Geschlecht in Russland Schwierigkeiten bei der Partnersuche?

In Russland gibt es genügend Männer im heiratsfähigen Alter. Laut Volkszählung 2010 leben in Russland zwar tatsächlich etwa 10,7 Millionen mehr Frauen als Männer, aber diese Ungleichheit gilt vor allem für die Altersgruppe ab 50. Im Alter von 25 bis 49 gibt es nur eine Million mehr Frauen als Männer. 2010 hielt sich die Zahl der ledigen Männer und Frauen zwischen 25 und 49 in Moskau ungefähr die Waage, wie die Statistikbehörde Rosstat der Zeitung „Moscow News“ mitteilte.

Dennoch stoßen Expat-Frauen bei der Suche nach dem richtigen Mann in Moskau nach wie vor auf große Probleme. Ein Grund ist der Lebensstil der russischen Männer. „Russische Männer achten nicht auf sich“, sagt Stefania und rümpft die Nase. Russische Männer rauchen viel: Nach neuesten Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) greifen 55 Prozent der russischen Männer jeden Tag zur Zigarette. Außerdem trinken sie viel: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört Russland zu den fünf Ländern mit dem höchsten Niveau der Alkoholsucht. Jeder fünfte Mann stirbt in Russland an alkoholbedingten Krankheiten.

Häusliche Gewalt

Die Alkoholsucht und das Rauchen, zusammen mit ungesunder Ernährung und dem Mangel an sportlichen Aktivitäten, führen dazu, dass die Lebenserwartung der russischen Männer bei nur 64 Jahren liegt. Nur in Afrika ist sie in einigen Ländern noch niedriger. Selbst wenn russische Männer weder rauchen noch trinken, können sie grob und gewalttätig sein. 40 Prozent der russischen Frauen sind mit verbalen Übergriffen konfrontiert. Jede Fünfte wurde bereits Opfer häuslicher Gewalt durch den Ehemann, wie die neuesten Rosstat-Zahlen belegen. Zwar sollen demnächst neue Gesetze gegen häusliche Gewalt verabschiedet werden. Ob sich aber die russische Gesellschaft danach verändert, ist ungewiss.

Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen basieren in Russland überwiegend auf Sex, behaupten viele Experten. Pamela Druckerman, US-Schriftstellerin und Journalistin, ist viel durch die Welt gereist, hat das Phänomen der ehelichen Untreue erforscht, und 2007 ihr Buch „Fremdgehen: Die Regeln des Seitensprungs in aller Welt“ („Lust in Translation: The Rules of Infidelity from Tokyo to Tennessee“) veröffentlicht. In Russland kam sie zu verblüffenden Ergebnissen.

„Die Familienpsychologin, die ich als Expertin interviewen wollte, erzählte hemmungslos über eigene außereheliche Beziehungen“, so Druckerman. „Sie bestand darauf, dass Seitensprünge in Russland angesichts der umfassenden Alkoholsucht, die beengten Wohnverhältnisse und häuslichen Gewalt fast zum Alltag gehören. Außer einem Priester, der bei einem Interview neben seiner Frau saß, kenne ich in Russland keinen einzigen verheirateten Mann, der keinen Seitensprung unternommen hat.“ Druckerman kam zu dem Schluss, dass Russland wahrscheinlich das Land mit den meisten Ehebrüchen unter allen Industrieländern ist.

Wer hat das Sagen in den eigenen vier Wänden?

Frauen aus dem Westen, die Wert auf eine gesunde Lebensweise und eheliche Treue legen, tun sich schwer mit dem russischen Lebensstil. Aber es gibt auch fundamentale Hindernisse für langfristige Beziehungen zwischen Männern und Frauen, egal ob aus Russland oder dem Ausland.

Eine strittiges Thema ist die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern: Russische Männer wollen in der Beziehung dominieren. Die Karriere und persönliche Unabhängigkeit der Frau sind für sie nebensächlich, während der Mann den Familienvater und den Versorger gibt. Für westliche Frauen ist das häufig ein Problem. „Ich habe eine russische Freundin, die älter ist als ich und die mir ständig sagt, ich arbeite zu viel“, sagt die in Moskau lebende Anna, eine 30 Jahre alte Geschäftsfrau aus den USA. „Sie sagt mir, ich soll einen Mann finden und ihn heiraten, damit er sich um mich kümmert.“

Anna will aber mehr als sich aushalten lassen: „Meine Freundin versteht einfach nicht, dass ich gerne arbeite und unabhängig und karriereorientiert bin. Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum ich nie eine Liebesbeziehung mit einem russischen Mann hatte.“

Russische Männer wollen der Frau geistig und finanziell überlegen sein, aber gleichzeitig bemuttert werden. Viele russische Männer seien nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Väter aufgewachsen, sagt Lynn Visson, US-amerikanische Schriftstellerin und Forscherin. „Sie standen immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihrer Mütter, die ihnen beigebracht haben, dass Männer privilegiert sind.“ „Ausländische Frauen haben viele Probleme, wenn sie mit Männern leben, die immer absolut im Mittelpunkt stehen und zweimal täglich von ihren Partnerinnen bekocht und anders verwöhnt werden wollen“, so Visson gegenüber „Moscow News“.

Gegenseitige Vorwürfe

Expat-Frauen wollen sich in einer Beziehung nicht unterordnen. Aber auch die Männer beklagen sich über mangelndes Interesse seitens ihrer Partnerinnen. Die Klagen der Männer hat Visson in ihrem Buch „Wedded Strangers: The Challenges of Russian-American Marriages“ zusammengefasst. „Ein russischer Mann meckerte seine Frau an: ‚Ihr Amerikanerinnen sprecht immer von Gleichberechtigung und habt es immer eilig. Ihr sieht dabei aber aus als würdet ihr aus einer Kloake kommen!’“, heißt es im Buch.

Viele Russen halten Amerikanerinnen für autoritär und arrogant, schlampig und besessen von der Gleichberechtigung, urteilt Visson. „Sie denken, dass russische Frauen viel attraktiver und femininer sind.“ Besonders unangenehm dürfte aber für Ausländerinnen sein, dass auch männliche Expats dieser Meinung sind. Weil die russischen Männer ihren Anforderungen nicht entsprechen und ausländische Männer vor allem an Beziehungen mit Russinnen interessiert sind, geraten sie ins Abseits. „Liebesgeschichten und Dates sind Geschmackssache, aber russische Männer sind einfach nicht mein Typ“, sagt Chiara, eine in Moskau ansässige Italienerin. „Ich bin schon seit sechs Jahren hier und habe ein paar Männer getroffen. Aber ich glaube, ich bleibe solo, solange ich hier bin.“

Es gibt noch Hoffnung

Aber Expat-Single-Frauen sollten ihre Hoffnung nicht aufgeben. Rhea Skryabina ist eine der 228 Ausländerinnen, die im vorigen Jahr einen russischen Mann geheiratet haben. Sie sagt, sie sei immer aufgeschlossen gewesen und habe keine Vorurteile gegen Flirts gehabt. Es sei absolut nötig, in einem fremden Land die fremde Kultur kennenzulernen.

„Es ist toll, gegen den Trend zu schwimmen und Menschen ohne Vorurteile kennenzulernen“, sagt sie. Ihren Mann, einen Tanzlehrer, habe sie kennen gelernt, als er auf der Arbat-Straße in Moskau getanzt habe. „Alle Ausländerinnen, die eine Beziehung mit einem russischen Mann eingegangen sind, haben sich auf unterschiedlichen Wegen kennen gelernt. (…) Beziehungen sind in Russland nicht anders als irgendwo sonst auf der Welt“, so Skryabina. „Bekanntschaften in Bars und Nachtklubs können in Russland genauso erfolgreich bzw. erfolglos wie in Kalifornien enden.“

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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