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Schwarzweisse Bilderspuren in eine unmenschliche Zeit

Von   /  18. August 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Eremitage zeigt erstmals das fotografische Vermächtnis der beiden Brüder Ewgeni (1900-1938) und Jakow (1903-1941) Henkin aus Rostow am Don. Nach der Oktoberrevolution ging der eine nach Leningrad, der andere nach Berlin. Beide trugen eine Kamera bei sich und fotografierten die Zeit der Hoffnung und das Aufkommen der totalitären Systeme – denen sie schliesslich beide zum Opfer fielen.

Die Bilderwege zweier Zeitzeugen kreuzen sich im Rotlicht – zwei Leben in Fotos, die im Rot der totalitären Systeme, in ihrem Blut versinken. Der Ausstellungssaal in der Neuen Eremitage ist einem strengen Konzept unterworfen. Eine Dunkelkammer des Gedächtnisses, in der Fotos angepinnt an einfache Holzgestelle und „im Prozess“ der Entwicklungsschalen präsentiert werden.

Ein dominierendes Konzept

An ihrem Kreuzpunkt steht eine symbolische Dunkelkammer mit einem „Leningrad“ Fotovergrösserer. Über dem Ganzen werden sämtliche Bilder der Schau per Beamer an die Wand geworfen. Ein starkes Konzept, ein zu starkes Konzept in gewisser Hinsicht, denn es dominiert alles Übrige. Die Fotos sind im Rotlicht nicht wirklich gut zu betrachten, um so mehr als es sich um eher zweitklassige Prints handelt. Ausserdem hindern einen die etwas unpraktisch angebrachten Bildunterschriften daran, die Ausstellung ruhig und in einem Fluss anzusehen.

Aber dennoch ist es eine starke Ausstellung. Die Bilder fesseln einen, und die beiden beiden Schicksale berühren und schockieren durch ihre Parallelität. Obwohl die beiden Brüder verschiedene berufliche Richtungen einschlagen, scheint ihre Begeisterung für die Fotografie „zwillingshaft“ zu sein. Sie gehören in zweifacher Hinsicht zu den Fotopionieren ihrer Zeit, obwohl sie ihre Aufnahmen grösstenteils zu Privatzwecken machen.

Unbekannte Fotopioniere

Zum einen scheinen die Bilder ihrem Format und ihrer Auflösung nach auf Kleinbildfilm gemacht worden zu sein. Dieser Filmtyp wurde in den Zwanzigerjahren durch die Leica eingeführt, und darum liegt es nahe, dass die Brüder Henkin zu den ersten Besitzern dieser damals noch exklusiven Kamera gehörten. Zum zweiten betrieben sie mehr oder weniger bewusst „Strassenfotografie“ – eine Richtung, die zu jener Zeit noch sehr jung war und durch die ersten Fotoreporter entdeckt wurde.

Die Schnappschüsse aus dem Alltag der beiden Städte Leningrad und Berlin sind faszinierend. Spielende Kinder, Parkszenen, Menschen im Café – Haar- und Kleidermode unterscheiden sich kaum, so dass oft erst durch Anschriften erkennbar ist, wo die Aufnahmen gemacht wurde. Auch die privaten Aufnahmen gleichen sich – Porträts, Gruppenbilder, fröhliche, verliebte, nachdenkliche Gesichter. In Leningrad wie in Berlin ist die Ausgelassenheit und Lebenslust der Zwanzigerjahre zu spüren, die in den Dreissigerjahren in eine Militarisierung und Politisierung der Gesellschaft umschlägt.

Die „Nachkriegszeit“ wird schleichend zur „Vorkriegszeit“

Dann verwandelt sich die Nachkriegszeit schleichend in eine neue Vorkriegszeit. Während Ewgenia Henkin an der Technischen Universität Charlottenburg SA-Aufmärsche und Aufrufe zum Juden-Boykott fotografiert, geraten Jakow Henkin vermehrt stalinistische Losungen und marschierende Sportler in den Sucher. 1936 als die Situation für Juden in Deutschland immer unerträglicher wird, kehrt Ewgenia Henkin ins vermeintlich sicherere Leningrad zurück und gerät 1938 prompt als „deutscher Spion“ in die stalinistische Todesmühle. Sein Bruder überlebt ihn nur um wenige Jahre und kommt 1941 im selben Alter von 38 wie sein Bruder als Kriegsfreiwilliger um.

Die Enkelin Jakows, Olga Maslowa-Walter, die mittlerweile in der Schweiz lebt, entdeckte bei einem Besuch in St. Petersburg die rund 7000 Negative ihrer Vorfahren und begann ihre Geschichte zu erforschen. Insbesondere die tragische Geschichte von Ewgenia Henkin, über dessen „Verschwinden“ kaum gesprochen wurde, musste rekonstruiert werden. Obwohl seine Rückkehr nach Russland tragisch für ihn endete, überlebten dadurch immerhin seine Bilder gemeinsam mit jenen des Bruders.

Wie durch ein Wunder erhalten

Ein zweites Wunder ist die Tatsache, dass das Fotoarchiv nicht von der Familie vernichtet wurde, um sich von weiteren Verdachtsmomenten von Seiten des NKWD zu befreien. In der Angstpsychose jener schrecklichen Zeit verbrannten viele russische Familien vorsorglich Briefe, Bücher und Fotografien ihrer Vorfahren, um nicht verdächtigt zu werden und verloren auf diese Weise ihr gesamtes „Familiengedächtnis“. Dadurch wird der fotografische Schatz der Brüder Henkin noch wertvoller und erinnert uns einmal mehr daran, wie viel Gutes und Menschliches damals durch einen simplen Federstrich des Bösen ausgelöscht werden konnte.

Bilder: Eugen von Arb (Ausstellung), Sammlung Olga Maslowa-Walter (Originale)

Bis 24. September. Generalstabsgebäude der Eremitage, Dvorzowaja Pl. 6/8. Tel. 571-34-65. Eintritt 300 Rubel. www.hermitagemuseum.org

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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