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Zehntausende Opfer der sowjetischen Repression beim Namen genannt

Von   /  31. Oktober 2014  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Mit Gedenkaktionen wurden am 30. Oktober der tausenden unschuldiger Opfer gedacht, die während der Sowjetzeit verurteilt, erniedrigt, eingesperrt und umgebracht wurden. Viele Angehörige und Nachkommen erzählten vom Leben der Opfer bis zu ihrer Verhaftung, nach der viele oft spurlos in Lagern oder Massengräbern verschwanden. Gemäss einer Umfrage hält fast die Hälfte der russischen Bevölkerung eine Wiederholung des Sowjet-Terrors für möglich (Fotogalerie).

In Moskau und St. Petersburg fand die Aktion „Man möchte alle beim Namen nennen“ vor den so genannten Solowetzker Steinen statt, die an die ersten Straflager des Sowjetregimes in der Weissmeer-Region erinnern. Auch andernorts, auf dem Lubjanka-Platz und auf dem ehemaligen NKWD-Schiessplatz Butowo bei Moskau oder beim Petersburger Achmatowa-Museum und auf dem Lewaschowo-Friedhof wurde an die Opfer erinnert und gebetet.

Namenslisten mit stockender Stimme gelesen

Am 30. Oktober lasen Freiwillige die Namenslisten mit Namen, Beruf, Urteil und Todesdatum der Menschen, die vor allem in der Zeit zwischen 1918 und 1953 im blutigen Getriebe des Gulag verschwanden. Dazwischen erzählten Verwandte der Opfer von ihren letzten Erinnerungen an ihre Grossväter oder Grossmütter und aus deren Leben – oft mit stockender Stimme und Tränen in den Augen.

Viele erfuhren erst nach Jahrzehnten vom Schicksal ihrer Angehörigen und erhielten auch nach der Rehabilitierung der Opfer von den Polizeiorganen nur die knappsten Informationen über deren Verurteilung und das Todesdatum. Viele von ihnen sind noch heute auf der Suche nach mehr Information. Organisationen wie „Memorial“ oder das Zentrum „Rückkehr der Namen“ an der Russischen Nationalbibliothek helfen ihnen dabei und sammeln Material über den Unterdrückungsapparat. Vom traurigen Schicksal der Verhafteten und Erschossenen wurden den Passanten zudem auf Schautafeln mit Texten und Fotos erzählt.

„Klassenfeinde“, „Konterrevolutionäre“, „Volksfeinde“

Schon in den ersten Monaten nach der Oktoberrevolution wurden „Klassenfeinde“ und Vertreter des alten Regimes durch die Geheimpolizei Tscheka beseitigt. Beispielsweise der Flottengeneral Alexander Rykow (1874-1918), der 1905 im Russisch-Japanischen Krieg ein Bein verliert und im Dezember 1918 von den Bolschewisten erschossen und bei der Peter- und Paulsfestung verscharrt wird. Oder der Bischof Venjamin Kasanski (1873-1922), der 1922 wegen Widerstandes bei der Beschlagnahmung von kirchlichem Eigentum erschossen und an einem unbekannten Ort begraben wird.

Besonders in den Jahren des „Grossen Terrors“ 1936/38 fielen Hunderttausende aus allen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen der Willkür von Polizei und Geheimdienst zum Opfer. Zum Beispiel Wladimir Kulikow (1906-1938), Giesser in der Ischorski Fabrik in Leningrad. Als er keinen Lohn erhält, weigert er sich, für einen Laib Brot zu bezahlen und wird wegen „konterrevolutionärer Agitation“ zu sieben Jahren Lager verurteilt und nach drei Monaten in Kolyma erschossen. Oder der hochbegabte Physiker und Theoretiker Matwej Bronstein (1906-1938), der während seines Urlaubs in Kiew verhaftet und auf der Liste eines Kriegstribunals ohne Anklage zur Erschiessung verurteilt wird.

Viele Russen glauben an eine Wiederholung des Grauens

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage in 40 Regionen Russland hat ergeben, dass 48 Prozent der Bevölkerung nicht ausschliesst, dass sich die Ereignisse der Stalinzeit wiederholen können. 14 Prozent sind sogar sicher, dass dies geschehen wird, und nur 34 Prozent halten die Wahrscheinlichkeit für klein. 40 Prozent machen Diktator Stalin und sein Regime für den Massenterror verantwortlich. Ein Drittel ist der Meinung, es werde zuviel über die Repression der Sowjetepoche gesprochen, ein Drittel findet hingegen zuwenig. 36 Prozent glauben an eine objektive Berichterstattung der Medien über dieses Thema, 24 Prozent trauen den Medien nicht.

Zwar beteiligt sich der russische Staat offiziell auch der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit, doch hat die Unterstützung moralisch und materiell in den vergangenen Jahren stark nachgelassen. Die Organisation „Memorial“ wird heute von vielen als Nestbeschmutzerin betrachtet. In den letzten Jahren führte die Polizei mehrmals Hausdurchsuchungen in den Büros der Organisation durch, die sich hinterher als unbegründet erwiesen. Dieses Jahr wurde „Memorial“ sogar auf die Liste „ausländischer Agenten“ gesetzt, weil sie sich angeblich politisch betätigt und Unterstützung aus dem Ausland erhält.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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