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Wo Witz und Tränen ineinander fliessen – die Lebensgeschichten Eduard Kotschergins

Von   /  27. April 2010  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Er lacht, dann weint er, dann blitzt wieder ein Lächeln durch die Tränen. Wenn Eduard Kotschergin seinem Publikum vorliest, stehen ihm seine Erlebnisse direkt vor den Augen – das war auch an der Lesung in der Majakowsjki-Bibliothek im Rahmen der Deutschen Woche nicht anders.

Man nimmt an, wer die Unmenschlichkeit und Erniedrigung des Stalinismus überlebt hat, müsse hart und gefühllos geworden sein. Eduard Kotschergin hat die ganze Grausamkeit als Kind erfahren und ist doch weich und sensibel geblieben – er wurde Künstler.

Die Eltern im Gulag, das Kind im NKWD-Heim

Dem polnischstämmigen Kotschergin blieb keine Zeit, um als Erwachener zu leiden. 1937, in seinem Geburtsjahr, wurde sein Vater verhaftet, und nur drei Jahre später wurde auch seine Mutter vom NKWD abgeholt. Das gehörte zum Alltag in der Zeit des stalinistischen Terrors.

Aber was passierte damals mit Kindern dieser „Staatsfeinde“? Ganz einfach – sie kamen in die Kinderheime des NKWD. Dort kämpfte der kleine Eduard wie alle Jungen und Mädchen ums Überleben, ohne Fürsorge und Nestwärme, dafür mit den besten Chancen, schon im Kindesalter zu einem ausgewachsenen Ganoven zu werden.

Taubstummer „Schatten“

„Ich trug den Spitznamen „Schatten“, erzählte Kotschergin, „weil ich nur Polnisch sprach und wie ein Taubstummer entlang der Wand schlich.“ Das Russisch musste er sich selbst beibringen, nur schon, um die fantasievollen Beschimpfungen seiner Schulleiterin anzuhören.

Diese sorgte periodisch für Ruhe in der Schulbaracke, wo im Schichtbetrieb unterrichtet wurde und die verrohten Halbwüchsigen ihre Lehrerinnen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs trieben. „Wissen ist Macht, Unwissenheit ist Dunkelheit“.

Mitgefühl trotz „Wolfsmentalität“

Dass die Lagerkinder trotz ihrer „Wolfsmentalität“ auch Mitgefühl kannten, schildert Kotschergin in einer anderen Erzählung, in der er die Ankunft von Kindern deutschstämmiger Deportierter beschreibt. Erst stossen diese „Faschistenkinder“ auf Empörung und Ablehnung, weil man wegen ihnen noch enger zusammen rücken muss.

Als die übrigen Kinder aber sehen, dass die Neuankömmlinge noch schlechter behandelt und verpflegt werden als sie selbst, helfen sie den Leidensgenossen. Aber nur die einen – die anderen erniedrigen die Fremden, wie sie nur können, und ein deutsches Mädchen entgeht nur knapp der Vergewaltigung durch zwei Burschen. „Als die deutschen Kinder wieder abgeholt wurden standen vielen Tränen in den Augen – sie waren welche von uns geworden“ – so endet diese Geschichte.

Ein Heimweg mit vielen Umwegen

Mit acht Jahren flieht Kotschergin aus dem Heim bei Omsk und macht sich auf den langen Weg in seine Geburtsstadt Leningrad, der ihn weitere sechs Jahre seiner Jugend kosten wird. Die Heimreise besteht aus lauter Umwegen, ist mühsam und gefährlich, aber sie ist auch eine unentbehrliche Schule des Lebens. Seine wichtigsten Lehrer sind Handwerker, Ganoven und Händler – bei jedem lernt er irgend eine Handfertigkeit, mit der er sich den Lebensunterhalt verdienen kann.

Der eine bringt ihm bei, wie man Spielkarten zeichnet, der nächste lässt ihn Leninporträts aus Draht formen, beim dritten lernt er, auf Glas zu malen. Schon damals zeichnet er am liebsten – ein Buntstift ist denn auch der erste Diebstahl seines Lebens, erzählt Kotschergin schmunzelnd.

„Ich wollte westwärts“

Der Junge lernt schnell, sich auf eigene Faust durchzuschlagen, doch überwintern kann er nicht auf der Strasse. „Im Herbst musste man sich wieder in ein Heim einweisen lassen – aber es war wichtig, dass dies immer in einem anderen Regierungsbezirk geschah, damit man nicht in dasselbe Heim zurückkehrte“, erzählt Kotschergin – „ich wollte ja westwärts“.

Ein letztes Mal stieg er 1952 in den falschen Zug, der in statt in die Heimat nach Riga brachte. Doch von dort aus holte ihn schon die Mutter nach Hause, die nach zwölf Jahren Lager und Verbannung zurück gekehrt war.

Schreibender Bühnenbildner – Unbehagen bei Schriftstellern

Obschon Kotschergins Leben weiterhin abenteuerlich blieb, konnte er eine Kunstausbildung absolvieren und gehört heute zu den bedeutendsten Szenografen und Bühnenbildnern. Unter anderem arbeitet er auch für das Grossen Dramatische Theater (BDT), wo auch Geschichten aus seinem Buch „Die Engelspuppe“ aufgeführt werden.

„Die Engelssuppe“ ist mittlerweile in der dritten Auflage erschienen, erhielt begeisterte Kritiken und ist auch auf Deutsch erhältlich. Kotschergin wurde dafür 2008 mit dem Triumph-Preis ausgezeichnet und in den russischen Pen-Club aufgenommen.

An seiner Lesung berichtete der Autor amüsiert vom Unbehagen, das seine Werke unter Schriftstellern ausgelöst habe. Man habe eben nicht erwartet, dass ein Bühnenbildner auch schreiben könne.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Literatur zur Deutschen Woche – Eduard Kotschergin “Wassili von Petrograd und Gorizy”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Als deutsche Verlegerin von Eduard Kotschergin wäre es mir eine Ehre gewesen, an diesem Abend dabei zu sein, aber leider hatte der isländische Vulkan anders entschieden. Otschen zhal! Danke für Ihren Artikel mit den Bildern, der es mir ermöglicht hat, im Geiste teilzunehmen. Beste Grüße von Ihrer Lisette Buchholz (persona verlag)

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