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Wirtschaftsminister Martin Zeil: „Ein Viertel der deutschen Einfuhren aus Russland werden nach Bayern geliefert“

Von   /  1. April 2011  /  Keine Kommentare

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rian.- Der Bayrische Wirtschaftsminister Martin Zeil, der im vergangenen Jahr St. Petersburg besucht hat, wird im April wieder nach Russland kommen und sich in den beiden Hauptstädten mit Regierungs- und Wirtschaftsvertretern treffen. Im exklusiven Ria-Novosti-Interview gibt er Auskunft über seine Pläne.
RIA Novosti – Wodurch zeichnet sich die Kooperation Bayerns mit Russland aus? Wie sehen die kurz- und langfristigen Kooperationspläne aus?

Martin Zeil – Der Freistaat Bayern pflegt sehr intensive Kontakte mit der Russischen Föderation. Seit vielen Jahren finden regelmäßige politische Delegationsreisen mit bayerischen Unternehmensvertretern nach Russland sowie hochrangige Besuche von Vertretern russischer Regionen, aber auch auf föderaler Ebene, nach Bayern statt. Auch ich war mittlerweile schon drei Mal mit einer Delegation in Russland.

Außerdem hat das Bayerische Wirtschaftsministerium bereits 1995 eine Repräsentanz in Moskau eröffnet, die seitdem sowohl bayerischen Unternehmen, als auch russischen Unternehmen als erster Ansprechpartner für Kontakte und Informationen zur Verfügung steht. Unser Repräsentant Fedor Khorokhordin verfügt über langjährige Erfahrungen in der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Diese Präsenz und die guten Kontakte haben dazu beigetragen, dass unter den deutschen Unternehmen in Russland der Anteil der bayerischen Firmen überdurchschnittlich hoch ist.

Dies möchten wir fortsetzen und weiter ausbauen. Im April reise ich gemeinsam mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu unseren Partnern nach Moskau und zur Deutschen Woche nach St. Petersburg. In Moskau werde ich die Gelegenheit haben, die neuen politischen Vertreter persönlich kennen zu lernen. In Sankt Petersburg wird sich Bayern in vielen Facetten von Wirtschaft über Tourismus bis zur Kultur als Partnerland präsentieren.

RIA Novosti – Wie hoch ist Bayerns Anteil an den Handels- und Investitionsaktivitäten Deutschlands in Russland? In welchen Bereichen wird am meisten investiert? Können Sie spezielle Beispiele hervorheben?

Martin Zeil – Ungefähr ein Viertel der deutschen Einfuhren aus Russland werden nach Bayern geliefert. Wir importieren hauptsächlich chemische und petrochemische Rohstoffe und Halbwaren. Im Export ist der Anteil Bayerns nicht ganz so groß. Unsere russischen Partner kaufen vor allem Maschinen und Anlagen, elektrotechnische Erzeugnisse und natürlich Autos von bayerischen Herstellern. Dabei sind besonders die Fahrzeuge der gehobenen Klasse sehr beliebt.
Bayerische Unternehmen sind in Russland überproportional stark vertreten und in fast allen Regionen Russlands tätig. Ein beträchtlicher Teil der deutschen Großinvestoren kommt aus Bayern. Ich denke beispielsweise an Firmen wie Siemens, Knauf, Ehrmann oder Hochland, die alle in Russland produzieren und deren Produkte fast jeder Russe kennt und schätzt. Aber darüber hinaus gibt es eine große Anzahl weiterer Unternehmen, die ich an dieser Stelle gar nicht alle nennen kann. Die bayerischen Unternehmen sind dabei nicht auf eine Branche fixiert. Neben Industriebetrieben sind auch bayerische Unternehmen aus dem Finanzsektor wie die Allianz in Russland aktiv.

RIA Novosti – Können Sie, Herr Minister, zum Thema Wirtschaftsmodernisierung und Verbesserung des Investitionsklimas in Russland etwas sagen?

Martin Zeil – Russland ist ein starker Zukunftsmarkt. Regierung und Unternehmen setzen momentan in vielen Bereichen darauf, dieses faszinierende und weitläufige Land mit modernen Ausrüstungen, Anlagen und Technologien auszustatten. Die von Präsident Medwedew initiierte Modernisierungsoffensive ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Schritt für Russland. Besonders wichtig dabei ist, dass auch die Industrieregionen außerhalb der Metropolen Moskau und St. Petersburg moderne Infrastruktur und moderne Anlagen erhalten, um flächendeckend für bessere Produktionsmöglichkeiten zu sorgen.

Dabei stehen die Sektoren Energie, Medizintechnik/Pharmazie, Informationstechnik und Telekommunikation sowie der Ausbau von Infrastruktur im Fokus. Bayerische Unternehmen haben in diesen Bereichen viel zu bieten: Sie sind beispielsweise bei innovativen Umwelttechnologien führend und möchten beim Ausbau der Infrastruktur Russland mit ihrem Wissen, ihrem Know-how und ihren Erfahrungen maßgeblich unterstützen. Auch im Bereich Medizintechnik können bayerische Firmen Produkte von höchster Qualität anbieten und genießen einen hervorragenden Ruf.

Mit dem russischen Minister für Fernmeldewesen und Massenkommunikation Igor Schtschogolev haben wir bei seinem Besuch in Bayern im letzten Oktober vereinbart, auch die Kontakte und Kooperationen zwischen russischen und bayerischen Unternehmen aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien zu intensivieren.

RIA Novosti – Sind mit Russland gemeinsame Wirtschafts- bzw. Industrieprojekte geplant? Wenn ja, in welchen Branchen? Welche Unternehmen sind an diesen Projekten beteiligt?

Martin Zeil – Besonders wichtig in der russisch-deutschen Zusammenarbeit ist aktuell das Thema Energieeffizienz. Dazu zählt nicht nur die Ausstattung von Verwaltungsgebäuden mit Energiesparlampen. Auch im Bereich der energetischen Sanierung von Gebäuden, von Fernwärmeleitungen und von anderen Einrichtungen der Kommunalwirtschaft oder bei der Verwendung von energieeffizienten Technologien in der Produktion sind in vielen Regionen umfangreiche Projekte teilweise auch mit bayerischer Beteiligung geplant.
Ein Beispiel ist das bayerische Unternehmen Wolf Heiztechnik, das auf dem Sektor Energieeffizienz und Klimaschutz sehr eng mit dem Gebiet Jaroslawl zusammenarbeitet. Die Firma Wolf beteiligt sich unter anderem am Aufbau eines Ingenieurzentrums in der Region, das im Januar eröffnet werden soll.
Darüber hinaus erhoffen sich bayerische Unternehmen vor allem im Zusammenhang mit der FIFA WM 2018 Möglichkeiten, die Zusammenarbeit mit russischen Partnern zu vertiefen. Nicht nur im Bereich Stadionbau haben bayerische Unternehmen viel Erfahrung, die sie unter anderem bereits beim Bau der Allianz-Arena in München unter Beweis stellen konnten. Im Bereich Organisation und bei Dienstleistungen im Umfeld von Sportveranstaltungen ist in Bayern ebenso viel Know-how vorhanden. Aber auch an anderen Projekten wie zum Beispiel beim Ausbau der Infrastruktur möchten sich bayerische Unternehmen gerne beteiligen.

RIA Novosti – Moskau und Bayern haben eine lange Geschichte der Zusammenarbeit. In den vergangenen Jahren fanden beispielsweise „Bayerische Wirtschaftstage“ in Moskau und „Moskauer Wirtschaftstage“ in Bayern statt. Sind derartige Veranstaltungen auch in Zukunft vorgesehen?

Martin Zeil – Natürlich werden wir auch in Zukunft gemeinsame Projekte und Veranstaltungen mit russischen Regionen planen. Als Beispiele habe ich vorhin bereits unseren Besuch in Moskau und die Teilnahme Bayerns an der Deutschen Woche in St. Petersburg genannt. Die Partnerschaft mit Moskau feiert in diesem Jahr bereits 20-jähriges Bestehen. Wir können auf diese langjährige Erfolgsgeschichte sehr stolz sein und haben auch vor, das mit entsprechenden Veranstaltungen in Moskau und Bayern zu feiern. Oberbürgermeister Sobjanin hat bestätigt, dass die Partnerschaft zwischen Moskau und Bayern weitergeführt werden soll. Ich freue mich schon darauf, ihn und weitere Vertreter der neuen Moskauer Stadtregierung bei dieser Gelegenheit kennenzulernen.

RIA Novosti – Vor einiger Zeit hatten Moskau und Bayern den Bau von zehn Hotels bzw. Bürozentren unter Beteiligung der bayerischen Firma MAWY-MCM in Moskau vereinbart. Wie ist der Stand dieser Projekte? Sind in der russischen Hauptstadt geeignete Orte zur Bebauung gefunden worden?

Martin Zeil – Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für die konkrete Zusammenarbeit zwischen Moskau und Bayern. Zwar hat sich das Projekt im Zusammenhang mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise etwas verzögert, seit einiger Zeit gibt es aber wieder Fortschritte zu verzeichnen.
Gerade im Hinblick auf die FIFA WM 2018 ist der Ausbau von Übernachtungsmöglichkeiten an den Spielorten meiner Meinung nach sehr wichtig. Moskau mit voraussichtlich vier Austragungsstätten wird sicherlich von vielen Fans und Touristen besucht werden. Ich kann mir vorstellen, dass darüber hinaus auch Gäste, die zu anderen Spielorten reisen möchten, einen Zwischenstopp in Moskau einlegen. Umso wichtiger ist es, das Projekt voranzutreiben, da dadurch die Kapazitäten deutlich ausgebaut werden.

RIA Novosti – Moskau bemüht sich um ein besseres Investitionsklima für ausländische Investoren, die Geschäfte in der russischen Hauptstadt machen wollen. Stoßen bayerische Investoren auf Schwierigkeiten in Moskau? Wenn ja, auf welche?

Martin Zeil – Zuallererst muss ich feststellen, dass Investitionsprojekte selten ganz ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden können. Sie sind meist sehr komplex und viele unterschiedliche Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden. Eine Schwierigkeit bei Projekten in Russland besteht natürlich schon in den sprachlichen und kulturellen Unterschieden. Denn gerade kleine und mittlere Unternehmen – und die meisten bayerischen Unternehmen, die in Russland tätig sind, gehören zu dieser Gruppe – haben oftmals nicht die Kapazitäten eine ganze Abteilung mit Russlandexperten aufzubauen.

Aber die Unternehmen berichten mir auch von anderen Problemen, auf die sie in Russland häufig stoßen. An erster Stelle stehen meistens Zollprobleme. Gerade im letzten Jahr gab es in diesem Bereich viele Änderungen, um die Zollgesetze und -verfahren in der Zollunion mit Belarus und Kasachstan zu vereinheitlichen. Der seit vielen Jahren geplante WTO-Beitritt Russlands würde sicher einiges erleichtern.
Ein weiteres Problem, von dem ich immer wieder höre, ist Korruption. Die Kampagne von Präsident Medwedjew begrüßen daher viele deutsche Unternehmen.

RIA Novosti – Der deutsche Konzern Volkswagen hat bereits ein Werk in Russland (Gebiet Kaluga) gebaut, scheint sich dort wohl zu fühlen und baut ständig seine Kapazitäten aus. In Russland ist aber auch BMW sehr beliebt. Hierzulande wurde sogar ein Kinofilm über die bayerische Automobilmarke gedreht. Derzeit werden BMW-Fahrzeuge in der russischen Stadt Kaliningrad aus Zulieferteilen fertig montiert. Will BMW nicht ein eigenes Werk in Russland bauen?

Martin Zeil – Es freut mich sehr, dass die bayerische Automarke BMW in Russland sehr beliebt ist. Und ich bin mir sicher, dass sich die bayerischen Marken – neben BMW kommt ja auch die Marke AUDI aus Bayern – auch in Zukunft auf dem russischen Markt großer Beliebtheit erfreuen. Denn der Automarkt in Russland bietet aktuell wirklich große Wachstumsmöglichkeiten. Einige Experten schätzen die Dynamik sogar so stark ein, dass 2013 in Russland so viele Pkw verkauft werden, wie in keinem anderen europäischen Land. Ich bin mir sicher, dass auch BMW an diesen Entwicklungen teilhaben möchte.

RIA Novosti – Wie sehen die Kooperationsperspektiven zwischen Siemens und der Russischen Eisenbahnen AG (RZD) aus?

Martin Zeil – Die Kooperationsperspektiven zwischen Siemens und der Russischen Eisenbahnen AG sind sehr gut. Wir sind zuversichtlich, dass sich diese bewährte Zusammenarbeit in den nächsten Jahren noch weiter etablieren wird. Mit der Inbetriebsetzung des ‚Sapsan‘, der auf der Siemens-Plattform Velaro basiert, ist Russland vor rund einem Jahr in den Kreis der Hochgeschwindigkeits-Nationen im Schienenverkehr aufgestiegen. Für die Metropolen Moskau und St. Petersburg ergeben sich durch die Verbindung essentielle ökonomische Vorteile.

Darüber hinaus gibt es auch beim Nahverkehr – etwa den Zügen für die Olympiastadt Sotschi – sowie beim Frachtverkehr eine intensive Zusammenarbeit mit der russischen Bahnindustrie. Ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens mit dem russischen Hersteller von Frachtlokomotiven SINARA bei Jekaterinburg im Ural erhielt im Mai 2010 einen Auftrag über 221 Doppel-Lokomotiven im Wert von über 1 Mrd. EUR. Im Rahmen des deutsch-russischen Regierungstreffens in Jekaterinburg wurde zudem ein Strategiepapier für die Modernisierung von 22 Rangierbahnhöfen bis 2026 und die lokale Fertigung von Desiro-Pendlerzügen – mit einem geplanten Produktionsvolumen von 1.200 Wagen in den nächsten zehn Jahren – zwischen Siemens und der Russischen Eisenbahn unterzeichnet.

RIA Novosti – Was können Sie über die Präsenz von russischen Unternehmen und Investitionen in Bayern sagen?

Martin Zeil – Mehr als 50 russische Unternehmen sind heute in Bayern aktiv. Besonders viele dieser Unternehmen kommen dabei aus der IT-Branche. Bekannte Beispiele sind etwa Kaspersky Lab, ABBYY und Reksoft. Das russische IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky Lab mit Hauptsitz in Moskau beschäftigt allein in seiner Europa-Zentrale am Standort Ingolstadt über 140 Mitarbeiter.
Die Branchenvielfalt nimmt bei den russischen Ansiedlungen in Bayern kontinuierlich zu. So hat beispielsweise Polet Airlines, ein russisches Cargo-Flugunternehmen im Schwerlastbereich, seine neue Europazentrale am Flughafen München eröffnet. Auch die LSR Europe GmbH – die deutsche Tochtergesellschaft der LSR Group mit Hauptsitz in St. Petersburg, eines der größten Unternehmen der russischen Bauindustrie, hat ihr Büro in München. Daneben interessieren sich russische Unternehmen aus der Hotelbranche immer stärker für Bayern.
Aber nicht nur große, sondern zunehmend auch kleine und mittelständische Unternehmen aus Russland wagen den Schritt in den bayerischen und damit europäischen Markt. So haben seit Beginn der Wirtschaftskrise die Anfragen russischer Unternehmen an Invest in Bavaria, die Ansiedlungsagentur des Freistaats Bayern, deutlich zugenommen. Dies zeigt mit großer Beständigkeit die enorme Bedeutung, die Bayern als krisenbeständiger, innovativer Spitzenstandort im Herzen Europas für die russische Wirtschaft hat.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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