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Wirtschaftskrise: Schweizer Unternehmen „deinvestieren“ in Russland

Von   /  18. April 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Entsprechend dem leicht gestiegenen Ölpreis hat sich im März und April auch der Rubelkurs wieder stabilisiert und ist gegenüber dem Euro resp. US-Dollar wieder angestiegen. Dennoch halten die russische Wirtschaftskrise und die westlichen Sanktionen an und fordern von ausländischen Investoren Geduld, geschicktes Taktieren und die Nutzung jener Chancen, welche die Krise mit sich bringt.

Seit dem katastrophalen Rubelsturz im Dezember hat die russische Währung wieder an Boden und Stabilität gewonnen und ist mittlerweile wieder auf unter 55 Rubel für einen Dollar gesunken – bei einem Ölpreis von um die 60 US-Dollar. Trotz allem ist es nach wie vor schwierig, irgendwelche Voraussagen zu machen, meint der Ökonom und Russland-Spezialist Daniel Rehmann. 

Der abrupte Kursanstieg des Schweizer Frankens im Januar hat das Russland-Geschäft für Schweizer Unternehmen zusätzlich erschwert, wenn sich auch der Kurs mittlerweile wieder leicht gesenkt hat. „Die Schweiz hat einen Exportrückgang von 10-15 Prozent für das 2014 verzeichnet, und rund -30% im Januar 2015, davon ist vor allem die Maschinenindustrie betroffen – für sie wird 2015 ein schwieriges Jahr werden“, so Rehmann.

Als Spezialist für die Integration ausländischer Unternehmen in Russland, leistet er Krisenhilfe. „Momentan führen wir Krisenverhandlungen mit Verteilern und Lieferanten, in denen es einerseits um ausstehende Lieferungen, andererseits um unbezahlte Rechnungen geht“, beschreibt er seinen Job. „Die meisten schweizer Firmen haben mittlerweile eine hundertprozentige Vorauszahlung vor der Lieferung eingeführt. In einigen Fällen wird ein gewisser Prozentsatz hinzugefügt, um alte Schulden abzutragen.“ 

Es sei sehr wichtig, in dieser Krisensituation mit seinen russischen Partnern eine gemeinsame Lösung zu finden und nicht einfach den russischen Markt zu verlassen, in den man schon viel investiert hat, gibt er zu bedenken.

Abbauen, aber nicht schliessen

Momentan finde eine so genannte „Deinvestierung“ statt, das bedeute, dass die Firmen noch nicht vom Markt verschwänden, aber Filialen schlössen und Personal abbauten, um Kosten zu sparen. „Die meisten haben verstanden, dass diese Krise längerfristig sein wird und stellen sich auf eine längere Wartezeit ein.“ 

Dabei ist die Ausgangslage je nach Grösse und Reserven sehr verschieden. „Die grossen Firmen leiten einfach weltweit ihre Ressourcen um, für die kleinen und mittleren Firmen hingegen ist es schwieriger“, beurteilt Rehmann die Lage. Die meisten schweizer Unternehmen würden mit Distributoren zusammenarbeiten und könnten dadurch den Schaden in Grenzen halten. 

Wer vor Ort produziere, könne die Kosten senken und versuchen, den Importanteil bei den eigenen Produkten so tief wie möglich zu halten und vielleicht zusätzlich gewisse Dinge vor Ort zu produzieren. Eine Möglichkeit sei, Service-Leistungen vor Ort anzubieten und in Rubel abzurechnen. Gleichzeitig solle man diversifizieren und versuchen, noch in andere Märkte hinein zu kommen.

Auch die Auftragslage ist sehr unterschiedlich: „In jenen Bereichen, wo es Staatsaufträge gibt, läuft es immer noch relativ gut – die übrigen Bereiche sind schlechter dran“, meint Rehmann ernst. „Wenn sich die Situation nicht deutlich verändert, wird die Krise diesen Sommer und Herbst noch viel mehr durchschlagen, und es wird zu Entlassungen kommen“. 

Ein Faktor, der die Lage zusätzlich erschwert, ist die Krise im russischen Bankensektor: „Für Unternehmen ist es sehr schwierig geworden, Kredite aufzunehmen, weil die Bedingungen mit hohen Zinssätzen sehr schlecht geworden sind und das Bankensystem generell unsicher ist. Die Banken haben selber Mühe, auf dem internationalen Finanzmarkt, Kredite aufzunehmen, entweder wegen der Sanktionen oder wegen dem fehlenden Vertrauen.“

Landwirtschaft boomt

Paradoxerweise gibt es im Moment auch Bereiche, in denen das Geschäft boomt – zum Beispiel gehört die Landwirtschaft wegen der russischen Gegensanktionen im 2015 zu den attraktivsten Bereichen. „Dort wird momentan viel investiert und modernisiert, damit Russland sich wieder stärker selbst versorgen kann“, erläutert Rehmann. „Hier gäbe es viele schweizerische Lieferanten für Landwirtschaftsmaschinen, aber auch Ausrüstungen für den Anbau, zum Beispiel Gewächshäuser oder Salatbeete.

“ 

Wer liquid ist, sollte sich überlegen, ob er nicht die Krise zum günstigen Kauf eines russischen Unternehmens nutzen sollte. „Das ist vor allem attraktiv für Firmen, die langfristige Strategien verfolgen und potentielle russische Übernahmenkandidaten schon kennen – jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um zu kaufen“, so der Ökonom. Für solche Interessenten unternimmt Daniel Rehmann so genannte „Fact-Finding-Tours“ mit Unternehmensbesichtigungen vor Ort in Russland. In der gespannten politischen Situation sind Investoren aus der Schweiz besonders willkommen – „Die Schweiz hat noch immer eine Sonderposition, weil die meisten Leute wissen, dass sie Nicht-Mitglied der NATO und der EU ist und während der zwei Weltkriege neutral war.“

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Daniel Rehmann: “Die Krise in Russland lässt sich nutzen”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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