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„Wer nicht in Russland produziert, kann von Grossaufträgen ausgeschlossen werden“

Von   /  6. Oktober 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die russische Wirtschaft läuft bereits seit mehr als einem Jahr im „Sanktionsbetrieb“ und setzt verstärkt auf Autarkie. Welche Prognosen können für die Zukunft gestellt werden, und welche Auswirkungen hat die Situation für ausländische Unternehmen? Daniel Rehmann, Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt, antwortet.


SPB-Herold: Wie sieht die allgemeine wirtschaftliche Situation in Russland aus?

Daniel Rehmann: Es gibt dieses Jahr eine kräftige Rezession. Der Erdölpreis hat sich nicht in dem Ausmass erholt, wie man es sich erhoffte. Für nächstes Jahr rechnen die meisten Experten damit, dass sich der Ölpreis ein wenig erhöht, und dass es in der russischen Wirtschaft ein Nullwachstum geben wird. Dementsprechend hat sich auch die Politik der russischen Zentralbank geändert. Nachdem sie während vielen Jahren einen stärkeren Rubel angestrebt hat, fährt sie jetzt die Politik eines schwachen Rubels. Das heisst, der Rubelkurs steigt und sinkt frei praktisch parallel zum Ölpreis. Der billige Rubel wiederum ist günstig für die Programme zur Importsubstitution und zur Unterstützung der einheimischen Industrie gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Bezeichnend für dieses Jahr ist auch der starke Einbruch bei den Importen gegenüber allen Ländern (v.a. EU aber auch China) – der Export hingegen ist viel weniger zurückgegangen.

SPB-Herold: Kann man die Dauer der Krise abschätzen?

Daniel Rehmann: Diese wirtschaftliche Krise wird viel länger dauern als ursprünglich angenommen, vor allem im Vergleich zu der Krise von 2008/2009. Gewisse Experten meinen, dass erst für 2017/18 wieder mit einem minimalen Wachstum von ein bis zwei Prozent gerechnet werden kann. Das hängt einerseits vom Ölpreis ab und andererseits davon, ob der Staat die nötigen Wirtschaftsreformen durchführt.

SPB-Herold: Wie sieht es aus bezüglich Reformen?

Daniel Rehmann: Es wird in erster Linie die Politik der Importsubstitution vorangetrieben, die bei einem niedrigen Rubel längerfristig zu einer Revitalisierung der russischen Wirtschaft führen kann.

SPB-Herold: Aber geschieht dies nicht auch, weil Russland keine andere Wahl hat?

Daniel Rehmann: Man ist einerseits dazu gezwungen durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, andererseits ist es auch die explizite Politik der Regierung, die sagt, man wolle wieder autarker sein und unabhängiger von Technologien aus dem Ausland werden.

SPB-Herold: Gibt es denn noch andere Arten von Reformen?

Daniel Rehmann: Man hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, den Sektor der kleinen und mittleren Unternehmen bis 2030 zu verdoppeln.

SPB-Herold: Aber davon spricht man ja schon lange – was geschieht denn da konkret?

Daniel Rehmann: Es gibt staatliche Unterstützungsbeiträge und weitere Erleichterungen, zum Beispiel werden diese Unternehmen während der ersten drei Jahren nicht inspiziert, usw. Der KMU-Bereich wurde durch die Sanktionspolitik am meisten betroffen – seine Wertschöpfung am russischen Bruttosozialprodukt ist von 30 auf 20 Prozent gesunken. Dagegen ist der Anteil des Staates und der staatlichen Unternehmen auf 60 Prozent gestiegen. Die ganze Umgestaltung der Volkswirtschaft ist nur möglich wenn der KMU-Sektor gestärkt wird, denn er ist verantwortlich für Innovationen. Ob diese Reformen aber erfolgreich sein werden, hängt letztlich vom Wille der Regierung ab, sie ernsthaft durchzuziehen.

SPB-Herold: Hat die Umorientierung auch Auswirkungen auf ausländische Unternehmen?

Daniel Rehmann: Ausländische Unternehmen werden in Zukunft nicht mehr soviel nach Russland exportieren können. Sie müssen sich überlegen, ob sie in Russland produzieren wollen, um weiter im Markt zu bleiben. Es ist eine strategische Entscheidung, die davon abhängt wie wichtig für sie der russische Markt in Zukunft sein wird. Schweizer Unternehmen sind da sehr vorsichtig, aber vor allem für Firmen im internationalen Wettbewerb ist diese Frage aktuell. Die Konkurrenz wird sicher stärker werden, zum Beispiel durch Anbieter aus Asien.

SPB-Herold: Ist Russland weiterhin an ausländischen Investoren interessiert?

Daniel Rehmann: Der russische Staat fördert nach wie vor Investitionen und trennt dabei Politik und Wirtschaft, zumindest offiziell. Investitionen sind vor allem interessant in den Bereichen Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Maschinenindustrie, Pharmaindustrie und Medizinaltechnik sowie in der einheimischen Tourismusindustrie, weil viele Russen in Zukunft im eigenen Land Ferien machen werden und dafür die Infrastruktur modernisiert werden muss.

SPB-Herold: Was bedeutet das im Speziellen für die Schweiz?

Daniel Rehmann: Die Schweiz hatte dieses Jahr ebenfalls einen Einbruch im Handel mit Russland zu verzeichnen, allerdings weniger stark als in anderen Ländern. Die Schweiz kann durchaus profitieren, denn für eine Reform der eigenen Wirtschaft braucht Russland natürlich moderne Investitionsgüter. In gewissen Bereichen, zum Beispiel bei den Lebensmittel wie Käse- und Milchprodukte, haben sich die Hoffnungen auf einen steigenden Export nicht erfüllt. Die nach Russland gelieferten Mengen sind nach einem kurzen Anstieg wieder auf das ursprüngliche Niveau gesunken, weil sich der Franken gegenüber Rubel und Euro stark verteuert hat und der Schweizer Käse für die meisten Russen unerschwinglich geworden ist. Ausserdem habe ich gehört, dass sich die Schwierigkeiten bei der Lieferung von Dual-Use-Gütern nach Russland verschärft haben und die Abfertigung länger dauert als früher. In der Schweiz hat dies damit zu tun, dass diese Angelegenheit vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) an das Departement für Äusseres (EDA) übertragen wurde und die Beurteilung damit „politischer“ geworden ist.

SPB-Herold: Für die „wirtschaftsfreundliche“ Schweiz ist das aber ein ziemlich erstaunlicher Entscheid?

Daniel Rehmann: Das ist ein politischer Entscheid, zu dem ich wenig sagen kann. Ich denke, die Schweiz, die immer noch von russischen Sanktionen verschont ist, versucht einfach, Umgehungsgeschäfte von Firmen sanktionierter Staaten über die Schweiz, zu verhindern.

SPB-Herold: Wie sieht es im Pharma-Bereich aus?

Daniel Rehmann: Im Frühling hat Novartis in ihrer Petersburger Fabrik die zweijährige Testproduktion von Generika aufgenommen. Das gehört zur Politik der russischen Regierung, die grossen Firmen dazu zu ‚zwingen‘, in Russland lokal zu produzieren. Wer nicht hier produziert, kann in Zukunft von staatlichen Grossaufträgen ausgeschlossen werden. Ich habe übrigens kürzlich gelesen, dass Russland für den Hoffmann-La-Roche-Konzern bereits 1911 einer der wichtigsten Exportmärkte war und nach der Oktoberrevolution und der Verstaatlichung in eine Existenzkrise geriet. Wenn man sich anschaut, was die Schweiz zu dieser Zeit nach Russland exportierte, so entspricht die damalige Situation ungefähr der heutigen.

Ist das ein gutes Zeichen?

Daniel Rehmann: Für die Schweiz ist das gut, denn je mehr eine Wirtschaft modernisiert wird, desto mehr benötigt sie die Produkte hochspezialisierter Firmen, zum Beispiel aus der Schweiz. Schon damals war Russland hauptsächlich Rohstofflieferant (dazumal: Getreideexport). Heute ist es gezwungen, die eigene Industrie zu diversivizieren, weil der Ölpreis kaum je mehr das frühere Niveau erreichen wird. Diese Lücke muss durch eigene Industrieprodukte gefüllt werden – eine grosse Herausforderung.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.russiacontact.ch

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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