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Vor siebzig Jahren: Ende des sowjetisch-finnischen Winterkriegs

Von   /  13. März 2010  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Am 13. März jährte sich zum 70. Mal das Ende des sowjetisch-finnischen Winterkriegs von 1939-40. Obschon die Sowjetunion schliesslich gewann, musste die Rote Armee den Sieg gegen das kleine Nachbarland mit grossen Verlusten an Material und Menschenleben bezahlen (siehe Fotogalerie unten).

Mit der Begründung, man müsse die Sicherheitslage von Leningrad verbessern, forderte im Herbst 1939 Stalins Regierung von Finnland die Abtretung von Gebieten in Karelien und Ostfinnland. Nachdem die finnische Regierung ablehnte, griff die Rote Armee am 30. November nach einem fingierten Grenzzwischenfall das Nachbarland an mit dem Ziel, das gesamte Territorium Finnlands zu besetzen.

Die russische Führung unter General Mereschkow rechnete angesichts ihrer zahlenmässigen und technischen Überlegenheit mit einem Feldzug von einigen Wochen bis zu Kapitulation. Finnland konnte den über 400.000 gut bewaffneten Rotarmisten nur eine schwache und schlecht ausgerüstete Milizarmee entgegenstellen, die offiziell zwar 250.00 Wehrpflichtige umfasste, von denen jedoch nur 50.000 kampftauglich war.

Bewegliche Skitrupps gegen Panzerkolonnen

Dennoch brachten die Finnen den Russen während der ersten Monate eine ganze Reihe verheerender Niederlagen bei. Unter der Leitung von Carl Gustav Mannerheim, der die russische Armee als Soldat in der zaristischen Armee kennen gelernt hatte, wandten die finnischen Truppen eine Taktik der beweglichen Kriegsführung an.

Die schwerfälligen, russischen Panzerkolonnen, die in den verschneiten, karelischen Wäldern auf wenigen Strassen zusammen gepfercht waren, wurden von den kleinen, aber mobilen finnischen Skitrupps eingekreist, voneinander abgeschnitten und vernichtet. Obschon an harte Winter gewöhnt, fehlten den russischen Soldaten warme Wintertarnkleidung, und die starre Kampfdoktrin der Russen war überhaupt nicht auf einen Guerillakrieg im dichten Wald eingestellt.

Zäher Widerstand an der „Mannerheim-Linie“

Die Finnen versuchten die Russen an der so genannten „Mannerheim-Linie“, einer Stellung mit rund hundert Bunkern, die quer durch Karelien führte, aufzuhalten. Sie waren jedoch zur Improvisation gezwungen. Da es an Artillerie und panzerbrechenden Waffen weitgehend fehlte, bastelten sich die finnischen Soldaten geballte Ladungen aus Handgranaten. Mit Brandsätzen aus Benzinflaschen, die in Anspielung auf den sowjetischen Aussenminister „Molotow-Cocktails“ genannt wurden, griffen sie die russischen Panzer aus dem Hinterhalt an und steckten sie in Brand.

Praktisch an sämtlichen Fronten von Karelien bis Lappland wurde die russische Armee gestoppt oder sogar zurück geworfen. Auch der Versuch Moskaus, Finnland durch die Ausrufung einer komunistischen Gegenregierung mit dem Finnen Otto Wille Kuusinen an der Spitze zu destabilisieren scheiterte.

Durchbruch erst im Februar

Zum Jahreswechsel wurde die Rote Armee auf rund 600.000 Mann aufgestockt, besser ausgerüstet und taktisch neu ausgerichtet. Obschon im Ausland mittlerweile eine starke pro-finnische Solidaritätsbewegung angelaufen war und die Nachbarländer Freiwilligenverbände und Waffen zur Verfügung stellten, konnte Finnland der Übermacht nicht mehr lange standhalten. Die Truppen waren erschöpft, und der Mangel an schweren Waffen und Flugzeugen machte sich immer mehr bemerkbar.

Bei einer neuen Offensive wurde am 11. Februar die Mannerheimlinie durchstossen, wodurch das übrige Finnland der Roten Armee praktisch schutzlos gegenüber stand. Dennoch verteidigten die Finnen das eingeschlossene Viipuri (rus. Wyborg) noch bis zum Waffenstillstand zäh.

Grosse Gebietsverluste für Finnland

Am 8. März 1940 begannen die Friedensverhandlungen in Moskau, in deren Folge Finnland grosse Teile seines Territoriums an die Sowjetunion abtreten musste:

– die Karelische Landenge und Westkarelien. Dadurch wuchs die Entfernung zwischen der Grenze und Leningrad von 32 auf 150 Kilometer

– Teile Lapplands

– Inseln im Ostteil des Finnischen Meerbusens

– die Halbinsel Hanko (Gangut) in Pacht für 30 Jahre.

Ausserdem sollte Finnland auf seinem Territorium eine Eisenbahnstrecke von der Kola-Halbinsel über Alakurtti bis zum Bottnischen Meerbusen zu bauen, was aber nicht zustande kam. Neben dem Gebietsverlust musste Finnland die Evakuierung der dortigen Bevölkerung ins Mutterland bewältigen.

Eine Lehre für die einen, eine Täuschung für die anderen

Der Winterkrieg hatte auf finnischer Seite rund 70.000 Tote gekostet, auf russischer Seite werden die Verluste offiziell mit 127.000 Toten beziffert, doch sollen die Zahl deutlich höher sein. Der „David-Goliath-Konflikt“ hatte weitreichende Konsequenzen: Die Rote Armee wurde grundlegend reformiert und stellte sich besser auf den Krieg im Schnee ein, was 1941 im Krieg gegen die Wehrmacht die Rettung bedeutet. Auf deutscher Seite hingegen führten die Niederlagen der Russen zu einer starken Unterschätzung der Roten Armee.

Für viele kleinere Länder, die angesichts der Macht von Hitlerdeutschland zitterten, bedeutete der Winterkrieg eine Ermutigung. Ihnen wurde klar, dass sich Widerstand selbst gegen einen vielfach überlegenen Gegner lohnen kann, um seine Ausgangsposition für Verhandlungen zu verbessern.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Vielen Dank für den interressanten Bericht.
    2 Anmerkungen –

    Finnland hat sich nach dem Winterkrieg in seiner Notlage dann mit Deutschland verbündet – von Stalin in die Arme Hitlers getrieben Ihren Teil zur Blockade Leningrads beigetragen. Im Hitler Stalin Pakt war das Karelische Gebiet von „Deutschland“ a bereits an die Sowjetunion „verschenkt“ worden. Das sich Finland dann später Deutschland im Kampf anschloss besiegelte den Verlust.

    Das interesse an diesem Krieg scheint mir bei den St. Petersburgern als auch Finnen gleichermassen hoch. Wer Verwandte in diesem Krieg verlor wundert sich mit welcher Hybris diese in den Tod geschickt wurde.

    Bei einem Besuch im Museum des Winterkriegs in Mikkeli (sehr epfehlenswert – in einer Zaristischen Kaserne) ist nicht nur der Beistand der Nachbarn aus Schweden und Norwegen gut dokumentiert sondern auch der Wahnsinn des Krieges insgesamt. Nicht wenige der Finnischen Soldaten, welche mit Ihren Jagdwaffen ganze im karelischen Granit festgefahrenen Russischen Einheiten beschossen sind ob dieser Bludbäder später sschwer traumatisiert oder wie mann damals sagte „Wahnsinnig“ geworden.

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