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Vor 70 Jahren wurde die „Strasse des Lebens“ erstmals benutzt

Von   /  26. November 2011  /  Keine Kommentare

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70 Jahre ist es nun her, als die Straße des Lebens, die Eisstraße über den Ladogasee, am 22. November 1941 erstmals befahren wurde. Dank dieser Lebensader konnten Hunderttausende Leningrader während der schrecklichen Blockade gerettet werden, die 900 Tage vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauerte.

Einzigartiger Eisweg

Die Bedeutung des schmalen Zugangs auf dem zugefrorenen See, über den die blockierte Stadt während des Winters versorgt wurde, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. „Die Straße des Lebens war die einzige Chance für die nördliche Metropole Russlands (so wird St. Petersburg bzw. das damalige Leningrad auch genannt)“, sagte der Kriegshistoriker Alexej Issajew der Agentur RIA Novosti. „Dank der Straße des Lebens hat die Stadt überlebt, denn sie hätte unmöglich mit ihren eigenen Ressourcen existieren können.“

In der Geschichte der russischen Armee kam es häufig vor, dass Truppen und Güter auf Eisstraßen transportiert wurden. So unternahm eine Truppengruppierung unter dem Kommando des Generaladmirals Fjodor Apraxin im März 1710, während des Großen Nordischen Kriegs (1700-1721) einen 130 Kilometer langen Marsch von der Ostsee-Insel Kotlin zur finnischen Küste. Fast 100 Jahre später, im Februar 1809, marschierte die russische Armee während des Russisch-Schwedischen Kriegs über den Bottnischen Meerbusen. Während des Kriegs gegen Finnland im Jahr 1940 schritt die 70. Schützendivision über den Wyborg-Meerbusen voran.

Es mussten unglaublich viele Güter über den Ladogasee transportiert werden, um die Grundversorgung Leningrads sicherzustellen, das jeden Tag mindestens 1000 Tonnen Lebensmittel brauchte. Per Flugzeug konnten lediglich 100 Tonnen Güter am Tag gebracht werden.

Im ungefrorenen Zustand wurde die Straße des Lebens erstmals am 12. September 1941 genutzt, als zwei Lastkähne Getreide und Mehl nach Leningrad brachten. Die 30 Kilometer lange Eisstraße, die zum Symbol der blockierten Stadt wurde, wurde am 22. November erstmals befahren.

Nicht bremsen, nicht anhalten!

An diesem Tag verließ ein Konvoi aus 60 Lastern unter dem Kommando des Hauptmanns Wassili Portschunow die Stadt. Später erinnerte er sich: „Der Abstand zwischen den Fahrzeugen lag bei 20 bzw. 25 Metern. Es war schon fast dunkel, als wir den zugefrorenen See erreichten, wo im Sommer Schiffe zwischen dem Ladogasee und der Newa fuhren. Das war der gefährlichste Ort. Das Eis sackte ab, als würde es leben. Mir war, als würden wir bergauf fahren. Der Motor lief auf Hochtouren – das Fahrzeug rutschte auf dem Eis, fuhr aber weiter. Ich konnte weder bremsen noch anhalten – das Fahrzeug musste in Bewegung bleiben.“

Die Bedingungen für die Fahrer waren lebensgefährlich. Erstens war das Eis brüchig, mehrmals musste nach einer neuen Route gesucht werden. Ende November setzten der Frost und die Winterstürme ein.

Die Sichtweite lag nur bei einem bis zwei Metern, aber anhalten und sich umsehen konnten die Fahrer nicht – das Wasser im Kühlsystem ihrer Fahrzeuge würde einfrieren. Sehr tapfer mussten auch hunderte Soldaten sein, die den Zustand des Eises kontrollierten.

Die sowjetischen Konvois wurden ständig vom Ufer und aus der Luft beschossen. Allein in der ersten Woche verloren die Verteidiger Leningrads 52 Lastwagen. Am 6. Dezember waren es schon 126 und am 1. Februar 1942 sogar 327. Aber trotz des schlechten Wetters, der ständigen Angriffe und der Müdigkeit versuchten die Fahrer, jeden Tag zwei Touren zu machen. Das Motto war: „Zwei Fahrten versorgen 10 500 Leningrader. Kämpfe um zwei Fahrten am Tag!“ Einige Fahrer unternahmen sogar drei Touren am Tag.

Verteidigung der Straße des Lebens

Am 16. Dezember 1941 stellte der Befehlshaber der Heerestruppen der Wehrmacht, General Franz Halder, beunruhigt fest, dass die sowjetische Truppengruppierung dank des Zuzugs neuer Kräfte über den Ladogasee stärker geworden war.

Für den Schutz der Eisstraße vor den Luftangriffen waren leichte Flugabwehrkanonen zuständig (schwerere Kanonen würden ins Eis einbrechen). Neben Flugabwehr-maschinengewehren waren sie schachbrettartig auf den beiden Seiten der Straße gestellt.

Am 1. Januar 1942 waren auf der Eisstraße insgesamt 14 37-Millimeter-Waffen und 40 Maschinengewehre stationiert. In der Luft wurde die Straße des Lebens von Jagdflugzeugen beschützt: Am westlichen Ufer waren die Leningrader Luftabwehrkräfte und am östlichen die Fliegerkräfte der Baltischen Flotte konzentriert.

Auf dem Boden sorgte das speziell gebildete Schützenregiment unter dem Kommando von Oberst Koroljow für Sicherheit. Seine Soldaten befanden sich auf dem Eis des Ladogasees, etwa acht bis zwölf Kilometer von dem vom Feind besetzten Ufer entfernt. Es wurden zwei Sicherheitstreifen mit Feuerstellungen und Schanzen eingerichtet. 1942 wurden die Verteidigungskräfte durch die vierte Marinebrigade und eine starke Artilleriegruppierung verstärkt. Außerdem wurden auf der deutschen Seite Hunderte Landminen und Tausende Splitterminen gelegt.

Historiker Issajew erzählte allerdings, dass die Wehrmacht im Winter keine Angriffe gegen die Straße des Lebens unternahm. „Die Deutschen wussten, dass dies sinnlos wäre. Sie könnten, sagen wir, einen Angriff unternehmen und dabei zehn oder sogar 100 sowjetische Fahrzeuge vernichten. Aber das würde nicht die Probleme lösen, die mit der Straße des Lebens verbunden waren“, betonte er. Im Winter setzte die Wehrmacht vor allem auf die Luftwaffe.

Die 1. Luftflotte, die der gesamten Heeresgruppe Nord der Wehrmacht zur Verfügung stand, habe ohnehin viel zu tun gehabt, fuhr der Experte fort. Deshalb konnte die Luftwaffe keinen Druck auf die Eisstraße über den Ladogasee ausüben. Die Luftgefechte seien aber von beiden erbittert geführt worden, so Issajew. Allein von Dezember 1941 bis April 1942 seien 51 deutsche Flugzeuge abgeschossen worden, darunter 20 von den sowjetischen Jagdflugzeugen und 31 von der Artillerie.

Issajew zufolge wollte die Wehrmacht vor allem im Frühjahr und im Herbst die Versorgung Leningrads unterbinden, als sie ihre Marinekräfte einsetzte. Doch auch dann waren die Deutschen erfolglos.

So wehrte die sowjetische Luftwaffe im Oktober 1942 die deutsche Marinelandung auf der kleinen Insel Sucho im südöstlichen Teil des Ladogasees ab. Die Wehrmacht verlor dabei 13 Landungsfähren und Motorboote.

Im ersten Blockadewinter, der für die Leningrader besonders schrecklich war, wurde die Straße des Lebens 152 Tage – bis zum 24. April 1942 – befahren. In dieser Zeit wurden insgesamt 361 109 Tonnen Güter, vor allem Lebensmittel transportiert. Mehr als 550 000 Einwohner wurden evakuiert. Außerdem spielte die Eisstraße aus militärischer Sicht eine wichtige Rolle: Im ersten Blockadewinter wurden fünf Schützendivisionen sowie eine Panzerbrigade nach Leningrad geschickt.

Die Straße des Lebens wurde auch zwei weitere Winter bis zum 27. Januar 1944 genutzt, bis die Leningrad-Blockade endgültig gesprengt wurde.

Text: Sergej Warschawtschik
Bilder: Archiv RGB

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