Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Verlorene Träume, gefundenes Glück – junge Russinnen im Westen

Von   /  23. April 2013  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Der Dokumentarfilm „Glücksritterinnen“ erzählt die Geschichte sechs junger Russinnen, die in Deutschland ein besseres Leben gesucht haben. Nach siebzehn Jahren Westen konfrontiert die Filmemacherin Katja Fedulova ihre Freundinnnen mit ihrer persönlichen „Erfolgsbilanz“ und schaut dabei auch selbst in den Spiegel – schonungslos ehrlich, aber auch fair und einfühlend. Im Rahmen der Deutschen Woche wurde der Film im Petersburger Kino „Awrora“ gezeigt.


Ausgangspunkt ist Kiel. Hier „strandet“ 1993 die siebzehnjährige Petersburgerin Katja Fedulova auf ihrer Flucht vor der „Mördergrube“, in die sich die zerfallende Sowjetunion verwandelt hat. Auch ihre Schwester Olga und ihre vier Freundinnen Alesja, Ilona, Tatiana und Schenia werden von ihren Müttern aus einem Land weggeschickt, wo in diesen Jahren ungestraft geraubt, vergewaltigt und getötet werden kann.

Karriere, Familie, Glück – jede von ihnen hat seine Vorstellung vom neuen Leben, in das sie sich stürzen. Die Filmautorin absolviert in Kiel ein Kunststudium, alles scheint gut zu gehen, aber dann ist sie plötzlich in der Sackgasse: „Ich wollte Filmemacherin werden, aber meine Aufenthaltsgenehmigung wurde nicht verlängert und ich sollte ausgewiesen werden. Meine einzige Hoffnung war einen netten Mann zu treffen, der mich aus meiner misslichen Lage befreien würde.“

Viele sahen Russinnen einfach als Prostitutierte

Dieser „nette Mann“ ist heute der Vater ihrer beiden Kinder, die ihre Karriere als Regisseurin leicht „verzögerten“. Doch nicht alle deutschen Männer sind so wie sich die jungen Russinnen ihren „Ritter auf dem weissen Pferd“ vorstellen. Viele sind berechnend und versuchen die materielle Situation oder Visa-Probleme für einen kurzen Flirt auszunutzen – Russinnen sind für sie nicht mehr als Prostituierte.

Auch Ilona, die Schwester der Filmautorin, landet im „goldenen“ Westen. Doch anstelle einer steilen Berufskarriere wird sie zufriedene Mutter einer grossen und lauten italienischen Familie. Die Vergangenheit lässt sie hinter sich, auch wenn ihre Schwester versucht, sie darauf anzusprechen, wie sie als Mädchen vergewaltigt wurde. Hier kommt ihre Mutter ins Spiel – wieviel wusste sie davon? Warum hat man nie darüber gesprochen?

Die Töchter sollen die Träume der Mütter verwirklichen

Die Mütter spielen bei allen eine zentrale Rolle, auch wenn sie meistens weit weg in Russland leben. Sie sorgen sich um ihre Töchter, aber sie fordern auch viel von ihnen. Katja spürt, dass sie ihrer Mutter beweisen möchte, wie weit sie es im Leben gebracht hat. Sie fühlt sich gescheitert, weil die Mutter in ihrem Alter bereits leitende Architektin war. Hier kommen die Unterschiede zwischen dem Westen und der sozialistischen Gesellschaft zum Vorschein: War eine Frau in der Sowjetunion erfolgreich im Beruf, so wurde sie als Mutter vom Staat unterstützt – das fehlt im Kapitalismus, wo jeder für sich selber schauen muss.

Doch auch dies stimmt nicht ganz, denn auch in Deutschland wird sozial Schwächeren geholfen – zum Beispiel im Fall von Alesja, die als Alkoholikerin in einer Entziehungsanstalt lebt, wo sie versucht, sich wieder in Leben und Beruf zu integrieren. Sie entspricht am wenigsten dem „Barbie“-Klischee der russischen Blondine auf High-Heels. Alesja ist tief gefallen, aber sie ist geborgen in ihrer Familie – sowohl ihre Mutter in Minsk wie auch ihre Tochter in Berlin lieben sie so wie sie ist.

Das Beste ist nicht gut genug

Ganz anders ist es bei Ilona aus Vilnius – sie hat geschafft, wovon viele Emigrantinnen nur träumen – ein Musikstudium und eine Lehrstelle mit Beamtenstatus in Hamburg. Obwohl die Arbeit mit den Jugendlichen schwierig ist, ist sie stolz auf das Erreichte. Doch ihrer Mutter scheint das Beste nicht gut genug zu sein. Zuhause wird die Tochter getadelt – viel zu lange habe sie studiert, und jetzt – bloss Lehrerin! Die Mutter ist viel eher eine Managerin, die an einem „Wunderkind“ herumkritisiert, das seine Bestimmung nicht erfüllt hat.

Das Nonplusultra scheint scheint Zhenia in ihrem Leben erreicht zu haben – zumindest aus ihrer eigenen Sicht. Als einzige ist sie nach St. Petersburg zurückgekehrt, arbeitet als leitende Managerin und lebt das typische Leben der Neureichen. Fast etwas verächtlich spricht sie über ihre Freundinnen in Deutschland, die sich den russischen Boom entgehen lassen. Nicht einverstanden mit diesem materialistischen Weltbild ist ihre Mutter – Zhenja lässt sich nicht mit ihr filmen. Und die Väter? Sie wurden von ihrer Zeit und vom Alkohol verschluckt. Ausser ein paar Erinnerungen ist nichts von ihnen übrig geblieben. Auch das gehört zu Russland – ein Land ohne Männer.

Hartnäckigkeit und Feingefühl

Das Erstlingswerk Katja Fedulovas wirkt erfrischend unkonventionell – die Frauenschicksale werden frei neben einander gestellt. Von Zeit zu Zeit verlässt Fedulova ihre Beobachter-Position und richtet die Fragen, die sie ihren Freundinnen stellt, auch an sich selbst und bringt sich auf dieselbe Ebene mit ihnen. Wie Fedulova im anschliessenden Publikumsgespräch erklärte, mussten auf Verlangen der Akteurinnen relativ viele Szenen gekürzt oder entfernt werden – schliesslich habe sie durch den Film nicht ihre Freundschaften aufs Spiel setzen wollen, meinte sie. Doch auch so hat der Film sehr viel Tiefe und geht ganz nahe – so nahe, dass man Tränen manchmal nicht verkneifen kann.

Bei all ihrer Verschiedenheit sind die sechs Frauen Freundinnen geblieben, die einander vertrauen und sich mit bewundernswerter Offenheit begegnen. Fedulova besitzt die nötige Hartnäckigkeit, um Probleme zu formulieren und auch unangenehme Fragen zu stellen – gleichzeitig fasst sie Themen und Menschen mit grossartigem Feingefühl an. Nichts anderes wird auch ihr nächstes Thema verlangen, das sie sich vorgenommen hat: Frauen in muslimischen Ehen.

Bild: Katja Fedulova im Kino „Awrora“ (Foto: Eugen von Arb/ SPB-Herold)

Der Film wird am Freitag, den 26. April um 18.30 im Deutsch-Russischen Begegungszentrum wiederholt. Deutsch-Russisches Begegnungszentrum“, Newski Prospekt 22-24, Eintritt 50 Rubel. www.drb.ru

www.deutsche-woche.ru

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Synthese der Farben und Klänge im Deutsch-Russischen Dialog

mehr…