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Veliki Nowgorod: Ein neues Kapitel in der Geschichte der Russlanddeutschen

Von   /  7. November 2016  /  Keine Kommentare

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eva.- An einer Präsentation stellte das Deutsch-Russische Begegnungszentrum in Veliki Nowgorod eine Ausstellung zur Geschichte der Russlanddeutschen im Nowgoroder Gouvernement vor. Der Beginn ihrer Geschichte unterschied sich vom Grossteil der übrigen Deutschen im Zarenreich, ihr trauriges Ende war dasselbe. Später wurde die Ausstellung auch in Petersburg gezeigt.

Neben der Leiterin des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums (DRB) Arina Nemkowa führte die Historikerin Irina Tscherkasjanowa durch die Ausstellungspräsentation. Sie fand im Rahmen des 250-Jahre-Jubiläums der Russlanddeutschen im Staatsarchiv Veliki Nowgorod statt und wurde vom deutschen Generalkonsulat unterstützt, als dessen Vertreter Nikolai Stoikow angereist war. Die Ausstellung besteht aus zwei Stellwänden, auf denen kompakt und gut illustriert die Geschichte der deutschen Kolonien dargestellt wird.

Entgegen der grossen Mehrheit der Deutschen, die nach dem Manifest von Katharina der Grossen von 1763 in das Russische Reich kamen, um als Kolonisten die grossen unbesiedelten Gebiete zu bewirtschaften, siedelten sich die die Nowgoroder Deutsche in einer Gegend an, die schon seit langem bewohnt war.

Ein Graf siedelte die Deutschen an

Einem gewissen Graf Araktschejew, der 1821 die erste Kolonie „Gorolewo“ initiierte, ging es in erster Linie darum, dass die Deutschen, die als tüchtige Bauern galten, ihr Know-How an die Bevölkerung weitergaben, um die Region zum blühen zu bringen. Hinsichtlich der Tüchtigkeit hatte er sich nicht keineswegs geirrt. Schon bald nach ihrer Ansiedlung verkauften die Deutschen ihre Kartoffeln in Nowgorod, die wegen ihrer Qualität geschätzt wurden. 1835/36 wurden zwei weitere deutsche Kolonien mit den Namen „Nowo-Nikolajewskaja“ und „Alexandrowskaja“ gegründet, und zur Jahrhundertwende lebten rund 1000 Deutsche in der Gegend.

Nur mit der Verbreitung des Segens unter der russischen Bauernschaft happerte es scheinbar, wie Tscherkasjanowa berichtete. So ist überliefert, dass sich die Bauern gegenüber dem Gouverneur über die knappe Ernte und das mühsame Leben beschwerten und ihm, als er fragte, warum es den deutschen Kolonisten denn so gut gehe, entgegneten,  diese seien eben Deutsche.

Zwischen die Fronten geraten und zu Staatsfeinden geworden

Die Kolonisten aus Deutschland nutzten die ihnen zustehenden Privilegien der Glaubensfreiheit und Freistellung von Militär und Steuern. Sie heirateten weitgehend unter sich und blieben ihrer Muttersprache bis ins 20. Jahrhundert treu. Erst die Oktoberrevolution und die darauf folgende Neuverteilung und Kollektivierung des Landes zwang sie zur Assimilierung. Trotz der politischen Unstabilität und stärker werdender Repression hielten sich die deutschen Kolonien bis zum Schicksalsjahr 1941 als ihre Dörfer schon bald an der Frontlinie des Wolchow lagen und weitgehend zerstört wurden.

Die Russlanddeutschen wurden zu Staatsfeinden, obwohl sich viele von ihnen der Sowjetunion gegenüber loyal verhielten. Wer auf sowjetischem Gebiet blieb, wurde wie die meisten Russlanddeutschen nach in den kalten Norden, nach Sibirien oder Kasachstan deportiert, ins Lager gesperrt oder in die „Trudarmja“ (Arbeiter-Armee) eingegliedert. Wer von der rasch vorrückenden Front überrollt wurde, wurde in vielen Fällen als „Volksdeutscher“ nach Deutschland oder auf deutscher Seite an die Front geschickt. Im Fall einer Rückkehr erwartete ihn in der Sowjetunion auf jeden Fall die Bestrafung als „Verräter“.

Einige wurden vom Schicksal verschont

Dass das Schicksal auch einige verschonte wurde während des abschliessenden Auftritts von Nachfahren aus den Familien Streis und Schoch klar. So konnten sich die einen wegen eines unkorrekten Akteneintrags und dem Vermerk „Nationalität – Russe“, statt „Deutscher“ oder dank der menschlichen Behandlung durch einen Lagerkommandanten durch die schrecklichen Jahre der Repression retten. Wie Jakow Schoch abschliessend meinte, war diese Zeit für alle schrecklich, nicht nur für die Deutschen“.

Zum Abschluss erhielt die Leiterin der Bibliothek Oxana Snytko aus den Händen von DRB-Leiterin Arina Nemkowa eine ganze Reihe von Büchern über die Geschichte der Deutschen in Russland ausgehändigt. Das Archiv revanchierte sich mit der Demonstration einiger Fundstücke zur regionalen Russlanddeutschengeschichte aus seinem Bestand und einem Rundgang durch die beeindruckenden Archivbestände, die im Gewölbe einer Kirche untergebracht sind – und bald waren, denn auf das Archiv wartet bereits ein neues, modern ausgerüstetes Gebäude in der Stadt.

Bilder: Eugen von Arb/SPB-Herold

www.drb.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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