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Umfrage: Leningrader Blockade – zum ewigen Gedächtnis?

Von   /  31. Januar 2012  /  Keine Kommentare

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Von Anna Smoljarowa

Feuer auf den Rostra-Säulen, kommunistische Flaggen auf dem Newski Prospekt, riesige Porträts von Tanja Savittschewa auf Wassili-Insel – Sankt-Peterburg erinnert sich an den 27. Januar 1944, den Tag der Belagerungsaufhebung während des Großen Vaterländischen Krieges.


Was bedeutet heute für 20 bis 30-Jährige dieser Tag? Was werden sie ihren Kindern über die Leningrader Blockade erzählen? Welchen Platz nimmt die Verteidigung von Leningrad im Großen Vaterländischen Krieg, wie man in Russland den Kampf gegen die faschistischen Truppen bezeichnet?

Anna Baydakowa – hat in Petersburg studiert und arbeitet in Moskau:
Niemand von meinen Vorfahren hat in Leningrad gelebt, deshalb ist für mich die Geschichte der Verteidigung von Leningrad einfach eine der wichtigen Seiten in der Geschichte meiner Heimat. Meinen Kindern werde ich erzählen, dass Leute vor Hunger starben, aber ihre Menschlichkeit nicht verloren.

Benasir Abrarova – hat in Moskau studiert und arbeitet in Deutschland:
Natürlich erzählte man uns in der Schule viel über die Blockade von Leningrad… Vom strategischen Standpunkt aus kann ich die Bedeutung der Verteidigung nicht bewerten. Für mich ist es eine schreckliche durch nichts begründete Plage von Menschen. Ich bin vom Mut jener Menschen erstaunt, die diese schreckliche Zeit erlebt haben und nach dem Abschluss des Krieges in sich die Kräfte gefunden haben, ein normales, neues Leben zu beginnen. Aus meinen Verwandten war niemand im Leningrad anfang der vierziger Jahre, aber ich habe Bekannte, deren Eltern im Leningrad allen 872 Tage die Blockaden durchgeführt haben.

Nora Zwetkowa – wohnt in Petersburg:
Das ist der Tag der Rettung meiner Oma. Als es klar wurde, dass alles vorüber ist, war das die Erlösung. Meinen Kindern werde ich das “Blockadebuch” geben – es ist besser als jede Erzählung aus dritter Hand. Für mich selbst kommt die Blockade an zweiter Stelle nach der Schlacht von Stalingrad. Es ist ein Beispiel von Mut und Tapferkeit für alle Zeiten. Vielleicht,. die Blockade ist eines der wenigen Ereignisse, die aus mir einen Patriot machen. Und ich erinnere mich an die Phrase, die angesichts der letzten Ereignisse ziemlich traurig klingt, – „die Heimat lässt sich nicht wählen“

Natasha Ivanova – wohnt in Petersburg:
Für mich ist das ein trauriger und dennoch festlicher Tag, an dem man in Gedanken versinken und verstehen kann, dass man immer auf die Rettung hoffen kann. In meiner Familie wurde wenig darüber gesprochen, deshalb habe ich keine persönliche Geschichte für meine Kinder, nur die Sachen, die in Lehrbücher geschrieben stehen. Der Stellenwert der Blockade ist sehr hoch. Das ist die Geschichte meiner Stadt, eine wichtige Etappe im Krieg und ein großes Denkmal der Menschen und ihrer Kraft, die man vergessen nicht darf.

Julia Kruk – wohnt in Petersburg:
Für mich ist dieser Tag sehr wichtig. Jedes Jahr am 27. Januar kaufe ich zwei Nelken (in Russland sind diese Blumen eng mit dem Krieg und dem Kriegsgedächtnis verbunden) und stelle sie auf dem Fensterbrett. In meiner Kindheit besuchten wir an diesem Tag mit den Eltern den Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof und andere Gedenkplätze. Meinen Kindern werde ich unbedingt über die Blockade erzählen, weiß aber noch nicht, mit welchen Worten. Aus meiner Sicht hat die Blockade einen wichtigen, wenn wichtigsten Stellenwert im Sinne der Kriegsführung. Das heißt, ohne die Verteidigung von Leningrad hätten wir den Großen Vaterländischen Krieg gewonnen, aber viele Kulturdenkmäler wären für immer verloren und wir hätten keinen Anlass zum Stolz.

Lena Litwinenko – wohnt in Petersburg:
Die Leningrader Blockade war das große Ereignis für alle Leningrader, eine grosse Heldentat des russischen Volkes. Meinen Kindern würde ich sagen, dass es 900 Tage des Blutes, des millionenfachen Todes und der große Sieg waren. Der furchtbarste Krieg in der Welt. Der Hunger, die Kälte… Die Verteidigung von Leningrad nimmt einen besonderen Platz ein. Die Leute, die Leningrad verteidigten, haben heldenhaft beweisen, wie man seine Heimat schützen muss.

Lera Salitscheva – wohnt in Petersburg:
Für mich wird dieser Tag immer die Tapferkeit, den Mut und die Größe des russischen Volkes verkörpern. Es ist noch ein Beweis dafür, dass der Mensch fähig ist, für nahe Menschen mit beliebigen Schwierigkeiten zurechtzukommen. Es ist ein Tag der grössten Dankbarkeit allen jenen Menschen, welche die Stadt und ihre Menschen vor der Besetzung gerettet haben. Ich werde den Kindern über die Menschen, über ihre Heldentaten, über ihre Nächstenliebe, über ihre Fähigkeit erzählen, in beliebigen Situationen zu überleben. Über die kleinen Kinder, die  ungeachtet des Hungers, der Bombardierung und des Todes um sie herum weiter lernten. Die Verteidigung von Leningrad hat eine Schlüsselbedeutung. Leningrad ein Hindernis bei der Eroberung Moskaus und in der Folge des ganzen Landes.

Konstantin Silantjew – wohnt in Petersburg:
Welche Bedeutung hat dieser Tag? Der endgültige Bruch im Krieg; die Rettung unerschütterlicher Menschen und die Erhaltung der Stadt, die von Millionen geliebt wird (aber „der Preis“ war außerordentlich hoch – darüber wird nicht gesprochen). Es bedeutet den Anfang der Wiedergeburt der nördlichen Hauptstadt, des Zentrums, in das alle kommen, um zu lernen, zu arbeiten, einfach die Schönheit zu genießen.

Meinen Kindern werde ich erzählen, dass es die Heldentat des Volkes war. Versorgungsschwierigkeiten von heute kennen keinen Vergleich mit dem täglichen Kampf für die Existenz, den die Leningrader führten. Es war eine Prüfung der Bewahrung des Menschlichen im Menschen. Ich werde die Kinder zum Diarama „900“ auf der Pulkowski Schosse führen.

Die Stadt (und seine Menschen) hat vieles erlebt und trägt zu Recht den Titel „Heldenstadt“. Es ist eine andere Frage, ob die Regierung damals vielleicht alles hätte anders machen können, um die Menschen zu retten – und heute, um den letzten noch lebenden Blockadeopfern zu helfen.

Die nahe Lage zu Europa, über die wir uns heute freuen können, hat uns damals einen bösen Streich gespielt. Sowohl der ideologische Kampf als auch der Name der Stadt haben uns nicht den besten Dienst erwiesen. Die Stadt Lenins und das revolutionäre Zentrum konnte dem kapitalistischen Feind auf keinen Fall überlassen werden, und der Schlag, den man zu tragen hatte, war wie bei Stalingrad entsprechend hart. In gewisser Hinsicht hatte Leningrad einen eigenen Krieg, der sich von dem Krieg an den Fronten unterschied. Ein eigener Krieg, der aber nicht weniger Bedeutung hat.

Die Stadt hat einen hohen Preis bezahlt und erlitt schreckliche Wunden. Trotz ihres Namenwechsels bleibt die Blockade als Andenken an eine schwere Zeit, in der man zusammenhalten musste, unvergessen. Man soll aber nicht verzweifeln und in der dunklen Vergangenheit leben – die Zeit hat neues Leben gegeben, es ist wie eine Blüte, wie ein Licht. Man muss sich darüber freuen, was man hat, aber auch bereit sein, einen Preis dafür zu zahlen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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