Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Typisch Russland: Zu jedem Automaten gehört ein Mensch

Von   /  9. Februar 2012  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Niemand kann behaupten, er möge Automaten – sie sind charakterlos. Man kann höchstens ihre Zuverlässigkeit schätzen und die Tatsache, dass sie wenig kosten und täglich ohne Murren ein grosses Mass an Beschimpfungen und Fusstritte einstecken.


Offiziell vertrauen auch die Russen der ordnenden und disziplinierenden Wirkung von Automaten. Das ideale Mittel gegen das Chaos – eine Art Korsett, das allem die nötige Form gibt. Zumindest nach aussen. Seit Jahrzehnten versucht sich das Land auf diese Art in den Griff zu kriegen: Brotfabriken, Mineralwasserautomaten, medizinische Operationen am Fliessband usw.

Trotzdem gilt hier noch heute die Regel: Zu jedem Automaten gehört ein Mensch. Denn in Wirklichkeit hegen die Russinnen und Russen gegenüber den „Blech-Towarischi“ ein abgrundtiefes Misstrauen.

Im Kampf gegen die Warteschlangen hat die russische Sparkasse kürzlich Nummern-Automaten aufgestellt – was für ein Segen! Einmal konnte ich Telefon, Strom und Wasser ohne das Gekeife darüber, wer denn nun vorher drankommt, bezahlen. Ein Monat später war der Automat kaputt. Kein Papier mehr. Der Automat wurde ausgehungert – Tod den Automaten!

Im Autobus werde ich aus Faszination ab der gescheiterten Automatisierung zum Schwarzfahrer. Es gibt Magnetkarten und es gibt Lesegeräte, welche die Fahrten abbuchen – nur muss das eine Schaffnerin überwachen. Ich steige also ganz hinten ein, warte bis die Kondukteurin vorne von ihrem Sessel aufblickt und tue so, als würde ich die Karte an das Lesegerät halten. Was das Ding anzeigt, sieht sie nicht, ohne herzukommen – die Trägheit siegt!

Auch in der Metro ist ein grossartiges Automatisierungsdebakel zu beobachten: Obschon es Magnetkarten gibt, sind die Jetons nicht ausgestorben – oft sind darum die Warteschlangen vor den Verkaufsstellen lang. Daneben stehen Jeton-Automaten – sie funktionieren aber nur alle paar Jahre, weil sie nur 100-Rubel-Noten nehmen, kein Rückgeld geben und die Preise jedes Jahr ändern.

Als die Fahrt 20 Rubel kostete, klappte alles bestens – fünf Jetons rasselten unten raus. Aber als der Preis auf 22 Rubel erhöht wurde, begannen die Probleme. Stillstand. Darum wurde bisher keine einzige Verkäuferin wegrationiert, obschon diese meist nur knurrend „funktionieren“. Momentan läuft die Sache wieder, weil eine Runde mit der U-Bahn schon 25 Rubel kostet.

Die Reihe von Beispielen liesse sich beliebig fortsetzen – kein Schlagbaum ohne Wächter, kein Drehkreuz ohne Bedienung, und sogar neben den Passfotoautomaten sitzt ein Rentner, der den Prozess begleitet. In der Schweiz geht alles. Normalerweise. Wie vermisste ich bei meinem letzten Besuch den Menschen neben dem Automaten als ich ein Bahnbillet lösen wollte. Meine Zwanzigfrankennote fuhr rein und wieder raus, rein und wieder raus. Und niemand hätte mir auch mit mürrischem Blick eine Fahrkarte verkauft. Der Zug fuhr ohne mich.

Bild: Wikimedia Commons

Weitere Artikel zu diesem Thema >>>

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

WM2018 – was rund um den Fussball geschieht: Todesopfer bei Schulabschlussfeier «Alye Parusa – Schlägereien und Handgemenge auf und neben den Spielfeldern

mehr…