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Typisch Russland: Willkommen im Land der Idioten!

Von   /  1. Februar 2011  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Im Südosten Petersburgs gibt es ein Neubauquartier, das im Volksmund das “Land der Idioten” genannt wird. Seinen Übernamen erhielt es noch in der Sowjetunion dank der drei Strassen “Prospekt der Enthusiasten”, “Prospekt der Stossarbeiter” (Arbeiter, welche die Norm übererfüllen) und “Strasse der Aktivisten”. So lustig das auch klingt, so wahr und bitter ist der Gehalt, wenn man es auf die postsowjetische Wirklichkeit anwendet.


Die wichtigste Lehre, die man in Russland aus dem Sozialismus gezogen zu haben scheint, ist jene, dass jeder, der freiwillig für das Allgemeinwohl einen Finger krumm macht, verrückt sein muss. Besonders als “Idioten” behandelt fühlen sich jene, die nach dem Krieg das Land aufgebaut haben und jetzt vom Staat eine Hunger-Rente erhalten.

Das Ergebnis dieses Dankeschöns in Form eines moralischen Tritts in den Hintern ist ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber dem Staat – ihm wird nichts geschenkt. Anstelle des verordneten Enthusiasmus sind nun Rücksichtslosigkeit und Einzelkämpfertum getreten – Solidarität und Sinn für das Gemeinwohl sind allenfalls im Familienkreis zu finden. Darüber hinaus gibt es nur wenig.

Besonders anschaulich zeigt sich das im momentanen Rekordwinter – Petersburg ersäuft in Schnee und Eis. Kinder werden von Eiszapfen erschlagen, massenweise brechen sich Passanten auf den vereisten Trottoirs ihre Glieder, zeitweise muss man sein Auto in einem Scheehaufen parkieren – einfach weil der Schnee nicht weggeräumt wird. Das Geschrei ab diesem Missstand ist laut – wer ist schuld? Die Gastarbeiter der kommunalen Räumdienste oder die Gouverneurin?

Die wenigsten denken daran, dass hier wahrscheinlich eben jene Freiwilligkeit und Rücksicht fehlt, über die zwar jedermann lacht, ohne die aber kein Land vorwärts kommt. Gemeint sind nicht Kolonnen edelmütiger und selbstaufopfernder Schneeschaufler gemäss sowjetischer Propaganda, sondern das kleine Bisschen Schnee, dass jeder neben seinem eigenen Parkplatz auch noch freischaufeln kann. Einfach so, gratis, für nichts – statt nur ein gehässiges Schild hinzustellen “Das ist mein Platz – schaufle selber!”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. ул. Разъезжая, д. 20 sagt:

    Meine Erfahrung.
    Ich habe so nach dem Motto „Mach es vor wie es geht“ den Weg von der Haustür bis zum Weg längere Zeit von Eis und Schnee
    befreit. Meine Nachbarn fanden das super cool, dass da jemand ist, der einen Parkplatz frei hält.
    Daruf angesprochen haben dann auch die meisten Ihr Auto weggefahren.
    Als meine Nachbarin ständig darauf parkte mailte ich Sie an, dass es doch Ihrer Mutter bestimmt gefallen habe, dass Sie einen gepuzten Weg nutzen konnte.
    Aber meine neureiche blonde Nachbarin meinte nur, dass Sie wenn Sie da nicht parken kann Ihr Fahrzeug nicht im Hof
    abstellen kann. Zudem seien wir doch alle Opfer der Komunaldienste die Ihrer Pflich nicht nachkommen würden.
    Es sei ja schließlich Ihr recht im Hof zu parken.
    Ergebnis: Ich mach nichts mehr.

  2. realsatire sagt:

    Das letzt Schild in unserem Hof mit dieser Aufschrift und der Aufforderung „an die lieben Nachbarn“ den Parkplatz doch bitte dem Schaufelschwinger zu lassen, war nach einem Tag nicht mehr unter dem Schnee zu finden? oder hat es ein anderer Nachbar schnell vor der „Abfahrt“ zu seinem eigenen, weiter entfernten Parkplatz getragen ?

    Ja der Gemeinschaftssinn in diesen Breiten reduziert sich recht häufig auf die Silben „gemein“.

    Mein Parkplatz wurde erst kuerzlich vom Raeumtraktor mit einer meterhohen Schneebarriere versehen. Das erfreut, besonders dann wenn man mit dem Auto zu einem Geschäftstermin davoneilen will, bringt aber den Kreislauf wieder in Schwung. Einziger Nachteil – der Parkplatz ist seitdem nicht für Niemand mehr nutzbar, auch ohne Schild bleibt er leer und sozusagen „meiner“.

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