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Typisch Russland: Wie viel Sowjetunion gibt es noch im heutigen Russland?

Von   /  23. August 2011  /  2 Kommentare

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Von Anna Smoljarowa

In Rahmen der Volkszählung-2011 kamen Befrager – meistens junge Leute – in alle russischen Haushalte, so auch zu mir. Auf die Frage, wo ich geboren wurde, antwortete ich: „Meine Heimatstadt heißt Leningrad – so steht es in meinem Pass, weil ich in UdSSR ins Geburtenregister eingetragen wurde.“ Das Mädchen, das mich interviewte, fragte mich zurück: „In Sankt-Petersburg“?  „Nein“, antwortete ich, “ in Leningrad“. Wieso, wunderte sich die Umschreiberin, es gebe doch kein Leningrad mehr! Damals fragte ich mich,  was aus Sowjetzeiten in Russland übrig geblieben ist?

Die Leute erinnern sich heute an die Macht und Wichtigkeit ihres Landes in den internationalen Beziehungen und vermissen die soziale Stabilität. Sie sind schockiert ab der heutigen  Kriminalität, die in Medien gezeigt wird, und sehnen sich nach den Zeiten als alles einfacher und klarer war, weil man im Leben weniger Wahl und Auswahl hatte. Viele trauern dem zerfallenen sowjetischen System nach und sehen im Kapitalismus nur Verdorbenheit und Dekadenz.

Als typisches Phänomen der Sowjetzeit sehen viele den oft unverschämten Ton bei Amtsstellen und in Geschäften – doch das trifft man auch heutzutage. In allen administrativen Organen fühlt man sich als Bittsteller, und Grobheit im Umgang spürt man in vielen Läden, vor allem in Lebensmittelgeschäften. Aber heute steht das niedrige Bedienungsniveau im Zusammenhang mit den kapitalistischen Veränderungen – „alle interessiert nur das Geld, sie pfeifen auf die anderen Leute “, sagt 73-jährige Mila, Näherin bis 1991, jetzt Rentnerin.

Sowjetisch ist auch das Anstehen – während das die meisten mühsam finden,  sind es viele ältere Menschen gewohnt, in der Schlange zu stehen. Sie kommen gewöhnlich viel früher, als sie zum Arzt kommen sollten – um eins statt zehn nach zwei gemäss Termin. Wenn jemand Jüngerer dann pünktlich zur Zeit kommt, zum Beispiel um Viertel vor zwei, dann kriegt er von den Wartenden folgendes zu hören: „Wir sind früher gekommen als du, setzt dich und warte!“

„Es interessiert sie nicht, dass Sie in eine elektronische Warteliste eingetragen wurden – „lebendige Schlange“ ist bedeutender für die Rentnerinnen, die in dieser Schlange Umgang finden“, sagt der 32-jährige Max, der in diesem Jahr ihm den Arm gebrochen hat und viele Stunde in seiner Kreisklinik verbracht hat. In der Sowjet Republik war es eine grosse Kunst,  Schlange zu stehen. Wenn man aber eine Rentnerin fragt, warum es sich mit der Sache so verhält, dann wird sie lediglich seufzen und sich über das niedriges Niveau des Gesundheitssystems beklagen.

Zwanzig Jahre nach dem Niedergang der Sowjetunion erinnern sich viele mit Nostalgie an die Vergangenheit. „Die UdSSR war eine technische Großmacht, eine Supermacht. Damals gab etwas, worauf man stolz sein konnte, im Gegensatz zum heutigen Russland“, meint der 22-jährige Sergei überzeugt. Dafür wurde vieles, was im Alltag schlecht funktionierte, akzeptiert – zum Beispiel die Autos. Sie gehörten zur Gruppe B (Personalwaren), nicht zur Gruppe A (Industriewaren), die vorrangig war. Das ist einer der Gründe dafür, warum die russische Autoindustrie bis jetzt Autos produziert, in denen einmal pro Woche eine Birne durchbrennt, einmal pro Monat der Motor nicht anspringt und sich der Rost binnen weniger Jahre durch die Farbe frisst.

Die Nostalgie und die blinde Sehnsucht nach dem „Supermacht-Gefühl“ lässt vieles vergessen: den totalitären Staat, in dem Millionen Repressalien untergeworfen waren und sich die Leute nur mit Mühe das nötige zum Leben kaufen konnten – vom Kühlschrank bis zur Strumpfhose – ein Land, in dem die  Beatles als politisch schädliche Musik verboten waren. Warum hat man der Sowjetunion ein so liebevolles Andenken bewahrt? Auf diese Frage könnte vielleicht Frau Merkel antworten, die im vorigen Jahr auf einem der Feste zur Deutschen Wiedervereinigung ihre eigene „Ostalgie“ eingestanden hat – oder die vielen anderen Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind und heute in einem „anderen“ Land leben.

Bild: Sergej Smoljarow

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Matze-G sagt:

    Diese Zeitung ist einfach nur …..Spitze.

  2. Matze-G sagt:

    Ich finde diesen Artikel dieser sehr jungen Frau…Anna Smoljarowa..einfach nur super.
    Auch in bin im Sozialismus aufgewachsen, aber vor der Wiedervereinigung auf die andere deutsche Seite
    gewechselt. Mir hat das vorgegaukel von … wie schrieb sie so schön ……“von Supermachtgefühl“
    auch nicht mehr gefallen.
    Heute, über 20 Jahre danach, gibt es auf der östlichen Seite von Deutschland auch immer noch
    diese Meinungen …..früher war es besser….., obwohl heute keiner mehr Schlange stehen muss, weil es alles gibt, wovon man früher nur geträumt hat ……..aber heute reicht das Geld nicht …für alles.
    Der Mensch möchte eben auch immer nur das beste und neueste haben ….früher nur das was es gab.
    Ich musste (wollte) früher auch Lada fahren ……weil es eben das beste ??? oder nobelste war …aus der Planwirtschaft, heute zählt Qualität.
    Das alte Deutschland …musst auch zugeben …es war nicht alles schlecht in der DDR , aber es war leider für eine Volkwirtschaft nicht bezahlbar.
    Wer auf dem Weltmarkt mit regieren will, kann es nicht mit Militärparaden oder Orden die man
    Menschen an die Brust hängt. (obwohl ….es macht stolz)
    Mir wäre zu Zeiten der DDR nie eingefallen nach Russland zu reisen , heute fliege ich sehr gerne dort hin, weil die Welt offener, freier …..unt toleranter geworden ist.
    Ich finde …..wer Russland nicht besucht hat, wird dumm sterben .
    Es wird sicher noch eine oder zwei Generationen dauern, bis auch die älteren Menschen sagen ……es war schon richtig so wie sich die Welt verändert hat.
    Mein nächster Besuch in Petersburg ist am 19.10.2011.
    Ach ja …….ich hatte früher in der DDR auch mit Russen zu tun ….hatte nie ein Problem und heute
    habe ich eine sehr …moment …..sie legt immer Wert drauf …….lach
    SEHR nette …SEHR …liebe…und SEHR hübsche …Petersburger Freundin.

    Matze-G ……München, 26.09.2011

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