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Typisch Russland: Weisse Nächte – schwarze Tage

Von   /  17. November 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Weltberühmt sind die “Weissen Nächte” in St. Petersburg im Sommer, wenn die Sonne nicht untergehen will.  Was die Bewohner des “Nördlichen Venedigs” hingegen während der “schwarzen Tage” im Winter anstellen, das interessiert die wenigsten. Vor allem mitte November, wenn die Aufhellung des ausgelassen-alkoholisierten Neujahrsfests noch unerreichbar scheint, muss man sich was einfallen zu lassen, um nicht eines dunkelgrauen Tages in eine Superdepression mit Bärenschlaf zu verfallen.

Es gibt die einfachen Hausmittel – zum Beispiel Schwarztee mit schwarzer Schokolade und einem guten Buch. An russischen Winterabenden könnte man ganze Bibliotheken verschlingen. Oder stundenlanges fideles “Durak”-Spiel – das heisst “Idiot” und ist der russische Jass.

Aber dazwischen muss man ja auch mal raus. Dann tun die Russen so, als würden sie bei Sonnenschein über den Newski-Prospekt flannieren. Selbst beim übelsten Graupelwetter ist der Newski voll als wäre gerade ein Volksfest – die Leute essen sogar Glacé! “Eskimo” und “Plombir”. Die Fenster der Geschäfte und Restaurants sind hell erleuchtet wie ein riesiger Adventskalender – obwohl man das hier gar nicht kennt. Fensterln in tintenschwarzer Nacht!

In einem Pelzgeschäft tummeln sich Frauen zwischen den flauschigen Auslagen. Im Land der Schneeköniginnen ist Pelz sogar im Sommer im Trend. Gleich darunter eine pink-rosa Leuchtschrift, die ich nach schweizerischer “Lesart” sofort als Nachtklub identifizieren würde, obwohl es nur ein “Traktir”, eine Imbissstube ist. Ein paar Schritte weiter ein Sushi-Restaurant mit Fensternischen, in denen sich Pärchen zuprosten und umarmen.

Dann eine Billetkasse: Konzerte von Klassik bis Jazz oder Theater und Komödie – alles hier zu haben, man muss nur seine Wünsche  in das kleine Fensterchen hineindiktieren. Gleich dahinter eine winzige Schumacherbude – abgebrochene Absätze von Stöckelschuhen sind das täglich Brot des russischen Mister Minit. Grasgrün-kosmisch leuchtet ein Schaufenster, gespickt mit einem Hirschkopf und Jagdgewehren drumherum. Gleich daneben ein grelles Blumengeschäft mit angelaufenen Scheiben – 24 Stunden geöffnet!

Die Leute eilen durch die Nacht, beschäftigt und mit ernsten Gesichtern oder vergnügt schwatzend. Und obwohl ich nun schon so lange hier lebe, fällt es mir immer noch auf: Die Menschen gehen Arm in Arm – irgendwie rührend altmodisch. Mann und Frau, aber sehr oft auch Frauen oder Freundinnen in Dreiergruppen. Ein ganzes Volk scheint sich aneinander zu klammern und sich zu wärmen.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Ach St. Petersburg, ich habe Heimweh nach Dir. Ich vermisse die dunkelen Tage mit der vorgezogenen Adventsstimmung. Das die Tristess mit dem Abstand zum Newski halt doch noch exponentiell zunimmt nimmt mann für den Glanz des Zentrums billigend in Kauf. Muss mann doch nur ein paar minuten in die Metro sitzen und ist in einer anderen Welt.

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