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Typisch Russland: Wegschauen, Entspannen und keinesfalls Nachdenken

Von   /  7. Februar 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Denken Sie vielleicht, wir Journalisten suchten Tag und Nacht nach Problemen, Widersprüchen und Kritik?! Ein grosser Irrtum – auch wir haben es manchmal gründlich satt, uns für andere das Hirn über den Lauf der Dinge zu zermartern und die Probleme der Politiker zu lösen. Wir sind bisweilen äusserst harmoniebedürftige Geschöpfe, auch wenn wir das gegenüber unseren Kollegen natürlich nicht gerne eingestehen.


Für solche Momente – ich habe diesen Koller zwei bis drei Mal im Jahr – gibt es in Russland eine herrliche Möglichkeit: den Rückzug in die sowjetische „Sessellektüre“. Dann stelle ich mir vor, ich stände auf der «anderen Seite der Zeitung» und sei ein biederer sowjetrussischer Bürger, der einfach „seine Ruhe“ haben möchte. Es genügt, am Kiosk die andere Ecke zu wählen – mal nicht den kremlkritischen „Kommersant“ oder die aufmüpfige „Nowaja Gazeta“, sondern stattdessen die loyale „Isvestja“ oder die stramme Regierungszeitung „Rossiiskaja Gaseta“. Sie kosten erst noch viel weniger.

Zuhause wird vom Radio «Echo Moskvy» – dem «Blitzableiter für unzufriedene Bürger – auf das handzahme staatliche «Radio Rossii» umgestellt. Zurücklehnen und die rosarote Brille aufsetzen, bzw. den rosaroten Kopfhörer. Fort mit den Milliarden, die im ganzen Land von korrupten Beamten unterschlagen werden! Fort mit Alkoholismus, kaputten Strassen und Wasserleitungen, Pussy Riot und Chodorkowski! Wegschauen, Entspannen und keinesfalls Nachdenken. Weg vom Abgrund – alles wird gut!

Die oben genannten Probleme verschwinden nicht einfach, sondern sie werden lösbar. Auch wird die Kritik nicht einfach ausgefiltert – sondern sie wird sowjetisch-konstruktiv. Das heisst – es darf ruhig kritisiert, ja gegeisselt werden, aber dabei ja nicht die Rechtmässigkeit von Behörden und Regierung anzweifeln! Stets werden die Schuldigen klar benannt – und sind sie noch nicht benannt, so wird sie die Justiz ganz bestimmt ermitteln und angemessen bestrafen. Staatsgarantie.

Das Land funktioniert, ja funktioniert allerbestens: Riesige Krankenhäuser und Wohnsiedlungen für Soldaten und Kriegsveteranen, Autobahnen und Gaspipelines werden eingeweiht. Bestechliche Beamte werden überführt, Fälscherwerkstätten ausgehoben, Rauschgiftringe festgesetzt. Mitten in einer Abhandlung über steigende Geburtszahlen und Renten will ich schon wohlig einnicken. Wie ein Zelt wölbt sich die grossformatige «Rossiiskaja Gaseta» über mir. Da juckt es mich plötzlich gottssträflich am Hintern! Aufwachen!

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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