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Typisch Russland: Was klebt am zähsten im ganzen Land? Die Wandreklame!

Von   /  6. November 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die schwere Holztür der Metrostation schwingt sich auf, und kalte Spätherbstluft bläst mir ins Gesicht. Mit heruntergeklappten Ohrenschützern und gesenktem Kopf ziehe ich in Richtung Büro. Nur mit kurzen Blicken nehme ich wahr, was sich um mich herum abspielt – ansonsten beschränkt sich meine Wahrnehmung auf mögliche Kollisionobjekte auf meinem Weg.

Doch dann lässt mich eine Szene stehen bleiben: Eine junge Frau im Jeanskostüme trägt Leim aus einer Plastikflasche auf kleine gelbe Papierzettel und klebt sie an einem der grossen Chromstahl-Regenrohren fest. Sie tut es mit erstaunlicher Gleichmütigkeit, und ihr Freund – ebenfalls sommerlich gekleidet – hilft ihr dabei, indem er eine Tasche mit dem Material schleppt.

Da bemerke ich, dass das Regenrohr zu einer Kaserne gehört – etwas weiter vorne lümmelt sogar ein Soldat herum, der sich aber nur für seine Zigarette und seine kalten Hände interessiert. Ich bin gleichzeitig belustigt und geschockt, denn ich weiss: Die kleinen Zettel kleben wie die Pest und verschandeln Fassaden in der ganzen Stadt auf üblere Weise als jede Sprayerei. Die Wände bekommen einen Anblick als wären sie von einem Pilz befallen und würden von Grund auf langsam verfaulen.

Im Weitergehen, denke ich darüber nach, warum sich die Leute ihr Brot mit der verdammten Kleberei verdienen und wieviel sie dafür bekommen? Eine lächerliche Summe wohl. Es ist eine ganz eigene gesellschaftliche Gruppe, die sich mit dieser Form von Arbeit beschäftigt: Reklame kleben, Reklame verteilen, Reklame tragen oder Ramsch in Metrozügen verkaufen. Die Arbeit scheint sie irgendwie über Wasser zu halten, zu einer anderen wären sie nicht fähig, entweder psychisch oder physisch, oder weil sie keine gültigen Dokumente besitzen. Sie können mit dem Verdienst gewisse Ausgaben decken, entweder die Miete eines Zimmers oder andere dringende Kosten, für Alkohol zum Beispiel. Für Studenten ist es wohl ein Taschengeld.

Die Klebereklame ist eine ganz eigene – was angeboten wird „klebt“ ebenso wie das Papier auf dem sie gedruckt ist. Was reklamiert wird, tönt süss wie klebriger Honig: „Gut bezahlter Nebenverdienst“, „Zimmer in Studentenheimen für weniger als 100 Rubel“, „Aufenthaltsgenehmigung, Staatsbürgerschaft, Arbeitsgenehmigung, Diplome kurzfristig ausgestellt“, “Kaufe Datschengrundstück zu gutem Preis”. Kurz: alles Unmögliche wird möglich – ein Idiot, wer den Versprechungen auf den Leim geht.

Mindestens ebenso perfid wie ihr Inhalt ist auch der Ort, an der die Reklame klebt. Sie flattert nicht nur wie Konfetti an Regenrohren, Hauseingängen und Bushaltestellen – an gewissen Hausmauern sind die Zettel gut lesbar aber unerreichbar in einer Höhe etwa zweieinhalb Metern angebracht. Man braucht Fantasie, um sich vorzustellen, wie das vor sich geht. Die Reklamefetzen werden wohl in einen Kübel voller Kleister getunkt und nachts schnell im Vorbeigehen mit einem Stock oder Besen an die Fassade geklatscht.

Ein zwei Tage später erlebe ich die umgekehrte Prozedur – das Säubern der Wände und Regenrohre vom Zettelsalat. Zwei Rekruten kratzen mit Blechstücken die Zettel vom Regenrohr. Ihre stoische Gleichgültigkeit erinnern mich frappant an jene der beiden Kleber. “Ein richtiger Idiotenjob für Rekruten!” So geht es mir durch den Kopf. Wie international doch die stupide Zeit-Totschlagerei in allen Armeen ist! Zentimeter für Zentimeter fährt ihr primitiver Spachtel über den Chromstahl, im Schneckentempo, es klebt …

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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