Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Typisch Russland: Warum die Russen in den Norden fahren, um in den Süden zu fliegen

Von   /  14. September 2013  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Ich sitze im kleinen Wartesaal auf dem Flugplatz von Lappeenranta in Finnland und beobachte die Menschen. Eine junge Frau mir gegenüber liest eine Zeitschrift , blickt in regelmässigen Abständen auf, um sich dann von neuem kopfschüttelnd in ihre Lektüre zu versenken. Was sie wohl denkt? Vielleicht ist sie die einzige Finnin hier drin, und all die Russinnen und Russen, die ums Verrecken von hier aus in den Süden fliegen wollen, gehen ihr auf den Keks – so in der Art: „Können die nicht von ihrem eigenen Flugplatz aus fliegen, statt hier so einen Ameisanhaufen zu organisieren!“

Alle die stolzen Petersburger Dewuschkas, die so dringend zum Shopping nach Bergamo müssen, woher ihr geliebter Truffaldino herstammt, die hier zuvor aber noch die Flughafentoillette verstopfen und die Putzfrau zur Verzweiflung bringen. All die „Dusias“ aus Karelien, die sich im Internet einen schwarzhaarigen Katalonier angelacht haben, der sie noch heute in Girona mit einem verliebten Gesicht und einem Papschild mit Aufschrift „Natascha“, „Tania“oder „Sascha“ erwarten wird.

Doch schon jetzt ist für sie ein Sieg geschafft, denn der Fahrt hierher ging das wochenlange Rumrennen und Schlangestehen auf den Passämtern und Konsulaten voraus, um den Eintritt ins Schengenreich in den Pass geklebt zu kriegen. Dann kommt der Frühmorgen, an dem einen das Sammeltaxi um 5.15 an der Strassenecke abholt, dann noch zwei Stunden in der Stadt herumkarrt, um all die anderen „russischen Finnen“ aufzulesen und schliesslich auf der noch unverstopften Trasse mit dem vielsagenden Namen „Skandinavia“ in Richtung Norden loszubrausen.

Hier sorgt die letzte Hürde für Herzklopfen. Denn wer an der Grenze ein frisches finnisches Schengenvisum vorweist, muss auf die Frage nach dem Wohin eine geschickte Anwort parat haben, damit die finnischen Grenzer nicht spannen, dass man das Nachbarland bloss als Absprungbrett in den Süden benutzt.  Die Finnen geben den Russen das Visum am leichtesten, aber sie wollen auch etwas davon haben. In Hundertschaften fahren die Russen deshalb an Wochenenden nach Lappeenranta, um zu shoppen und gleichzeitig ihr Visum zu „eröffnen“. Der kleine unbedeutende unbedeutende Grenzort wurde dadurch zur blühenden Shoppingmall.

Ich geh zwar nicht nach Finnland einkaufen, aber „Geizfliegen“ interessiert auch mich! Der Billigflieger, der den ältesten Flugplatz Suomis (1918) zu seinem Stützpunkt gemacht hat, soll mich zu meinem Patenkind in Spanien bringen. Ängstlich schiele ich zum Check-In-Schalter, denn erlaubt sind bloss 10 Kilo Handgepäck. Eine Studentin verstreut gerade panisch ihre Wäsche auf dem Boden, um irgendwie das Gewicht ihres Rucksacks zu verkleinern . Dann ist die Lösung gefunden – ihre Freundin zieht sich die Schuhe mit dem schweren Korkabsatz an und legt stattdessen ihre leichten Strandschuhe ins Gepäck. Die beiden atmen auf, dafür werde ich nervös – in einer Viertelstunde bin ich an der Reihe!

Da kommen Sascha und Aljoscha herein, zwei friedliche Süffel, die ich während der Busfahrt kennnengelernt hatte  und die unterwegs sind zu ihrer Ferienwohnung an der Costa Brava. Sie hatten sich zum Umtrunk nach draussen in den Birkenwald verzogen und auch mich grosszügig dazu eingeladen. „Du, ich glaube, es geht bald los“, meint Sascha zu seinem Kollegen und klaubt seinen Pass aus der Brusttasche. „Will bloss hoffen, dass die uns im Flieger nicht verdursten lassen!“

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Erarta-Museum zeigt monumentale Dali-Skulpturen

mehr…