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Typisch Russland: Wann feierst Du Weihnachten? An Weihnachten!

Von   /  25. Dezember 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Jedes Jahr gratulieren mir meine russischen Freunde und Kollegen zu Weihnachtsfest. Obwohl ich mich mittlerweile an den russischen Jahresrhythmus gewöhnt habe und weiss, dass die Fete hier erst an Silvester steigt, bin ich natürlich mit der „katholischen Weihnacht“, wie es hier genannt wird, aufgewachsen und freue mich über die Glückwünsche. Gleichzeitig wird mir jedes Mal wieder bewusst, wie anders hier die Uhren ticken und wie komisch es ist, an Heiligabend noch an der Arbeit zu sitzen und statt weihnachtlicher Stille, alltägliche Geschäftigkeit zu spüren.

Gleichzeitig mit den Glückwünschen werden mir auch jedes Jahr dieselben Fragen gestellt. Zum Beispiel, ob ich katholisch sei oder ob ich einen Weihnachtsbaum zuhause hätte. Sage ich, ich sei eigentlich protestantisch erzogen, muss ich oft erklären, wer die Protestanten sind. Das führt gelegentlich zu längeren Diskussionen, in denen ich mich und meine religiöse Position erklären muss. Oft erfahre ich aber auch etwas über mein Gegenüber. Dieses Jahr beschrieb mir zum Beispiel jemand, wie man in Litauen Weihnachten feiert. Danach wusste ich, dass man in Vilnius Baumkuchen bäckt und den Weihnachtstisch zu Ehren der Apostel mit zwölf Gedecken versieht, auch wenn weniger Personen anwesend sind.

Es kommt auch zu lustigen Momenten – zum Beispiel fragte mich diesmal ein Kollege, ob Weihnachten das Fest am 26. Dezember sei, an dem man sich gegenseitig zurufe: „Christus ist auferstanden!“.  Nach meiner mehr als zehnjährigen russisch-orthodoxen „Karriere“ weiss ich immerhin, dass diese Tradition zur russischen Osterfeier gehört. Aber die Frage ist nicht erstaunlich, denn wie mein Kollege, vor dessen atheistischer Geisteshaltung ich im übrigen grossen Respekt habe, hat ein Grossteil der Russinnen und Russen noch heute keinen blassen Schimmer von religiöser Kultur. Und obwohl sich die russisch-orthodoxe Kirche der Beseitigung dieses „Problems“ bereits seit Jahren nach Kräften widmet, hält sich die geistliche Ignoranz zäh.

Hinzu kommt ein weiteres Hindernis – der Julianische Kalender, der die hiesigen Kirchenfeste, die (ausser Ostern) im Prinzip den katholischen entsprechen stets mit 13-tägiger Verzögerung stattfinden lässt und so ganz Russland gegen den „Jingle-Bells-Strom“ der übrigen christlichen Welt schwimmen lässt. So ist es auch mit Christi Geburt, die in Russland in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar stattgefunden hat.

Aber im Grunde genommen empfinde ich die unterschiedlichen Geburtstermine als Bereicherung. Nicht nur, weil die konfessionellen Kontraste sehr lehrsam sind, sondern auch, weil ich am 24. und 25. Dezember unbelastet bin vom ganzen Weihnachts-Klimbim, der an diesen Tagen in meiner Heimat herrscht. Ich brauche mich weder um Geschenke in vollgestopften Kaufhäusern, noch um einen tollen Weihnachtsbaum oder ein besonders originelles Weihnachtsessen und Gäste zu kümmern. Ich kann zuhause in aller Ruhe ein paar Kerzen anzünden, in die Lichter schauen und ein paar Strophen von „Süsser die Glocken“ aus der Erinnerung vor mich hersummen und dabei ganz für mich sein. Stille Nacht.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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