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Typisch Russland: Subbotnik – Frühlingsputz vor der gemeinsamen Haustür

Von   /  14. April 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Nun wird wieder aufgerufen zum gemeinsamen Putzen und Herrichten der Stadt nach dem Winter – auf Plakaten und Videobildschirmen. „Die Sauberkeit der Stadt hängt von Dir ab – am 24. April ist städtischer Subbotnik“. Auch wenn das Datum deutlich vom ideologisch belasteten 1. Mai abgesetzt ist, erinnert die freudig müllsammelnde Musterfamilie auf dem Plakat alle Russen an die Gebräuche der Sowjetzeit.

An der Geschichte dieses freiwilligen und unbezahlten Arbeitseinsatzes am Sonnabend lässt sich ganz genau die moralische Verfassung der russischen Gesellschaft verfolgen. Malochten die roten Eisenbahner Lenins 1919 während des Bürgerkriegs gerne und ohne zu klagen zehn Stunden zusätzlich, um gegen die Weissen zu gewinnen, so wurden die Subbotniki immer mehr zu verordneten Fleissübung.

Aus den Einsätzen, die währenden des Aufbaus nach den Kriegen einen Sinn hatte, wurde später immer mehr ein Element des verordneten und überwachten Enthusiasmus wie die Teilnahme an Demonstrationen und Aufmärschen. Wer auf der Warteliste für eine Wohnung oder einen Auslandurlaub stand, der hatte am „Subbotnik“ vor den Augen der Parteivertreter sein sozialistisches Verhalten an den Tag zu legen.

Noch heute drängt der Subbotnik die Russinnen und Russen in einen Zwiespalt zwischen Herdenverhalten und Individualismus. Die jahrzehntelange befohlene Freiwilligkeit hat die Gesellschaft traumatisiert und zu einem katastrophalen Mangel an Eigenverantwortung geführt.

Nirgends ist das so stark zu spüren wie im Wohnbereich. Wie früher fühlen sich meisten für alles, was jenseits des eigenen Fussabtreters abspielt, NICHT ZUSTÄNDIG. Mögen im Treppenhaus Feuersbrünste ausbrechen oder Leute ausgeraubt werden, mögen die Parks im Müll versinken und die Kinder im Sandkasten voller Hundekacke und Glasscherben spielen. Was meins ist, wird verhätschelt, was allen gehört, kann zum Teufel gehen.

Erst, wenn wieder Leute aus echtem persönlichem Bedürfnis Besen und Spaten packen, um den Vorgarten zu säubern und zum Blühen zum bringen, werden sich ihnen auch die übrigen anschliessen und sich sagen „Gehn wir halt, an euren Subbotnik“…

Bild: Zu Iwanows Gemälde „Lenin am Subbotnik im Kreml“ existiert eine Reihe von Anekdoten – eine davon besagt, der Balken, den Lenin auf dem Bild trage, sei aufblasbar und federleicht gewesen. (Foto: Wikimedia Commons)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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