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Typisch Russland: Spazieren mit Millionen

Von   /  4. Januar 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Schweizer zu sein und kein Geld oder nicht besonders viel davon zu besitzen, ist in den Augen vieler Russen ein Ding der Unmöglichkeit. Als Eidgenosse werde ich bisweilen direkt dazu genötigt, “vermögend” zu sein und mit den Banken auf freundschaftlichem Fuss zu stehen.


So erkundigte sich kürzlich eine russische Bekannte meiner Frau, die vernommen hatte, dass ich Schweizer bin, danach, wie man in der Schweiz sein Vermögen in Gold anlegen könne. Meine Antwort, ich wüsste es selber nicht, wurde überhört.

Berharrlich wurde nachgehakt, so dass ich ihr in meiner Not einfach die Hotline-Nummer der Moskauer UBS-Filiale angab, die ich im Internet gefunden hatte. Ich ärgerte mich darüber –  unbewusst hatte ich das Vorurteil bestätigt, dass der Reichtum der Schweizer Banken gewissermassen “Volkseigentum” sei und jeder irgendwo ein paar Goldbarren oder mindestens einen Koffer voller Geld herumliegen habe.

Eine andere Beziehung zum Geld und zu den Banken haben die Schweizer aber auf jeden Fall. Das wurde mir kürzlich bewusst als ich auf einer Bank im Kirowski Rayon Geld an eine Bekannte überweisen wollte. Der erste Schock erwartete mich am Eingang, wo mein Ausweis von einem mürrischen Wachmann gemustert und eingescannt wurde.

Ein Bankkunde in der Schweiz wird von einer weit offenen Glastüre begrüsst. Er betritt eine Bank andächtig wie eine Kirche. Obwohl ihn in diesem Moment mindestens ein Dutzend misstrauischer Überwachungskameras registrieren, soll er das Gefühl haben, er sei volkommen frei, und Geld sei etwas gutes, freundliches.

Dann betrat ich einen völlig überfüllten Schalterraum – hinter der Theke keine Seele. Sämtliches Personal bis hin zur Direktorin rannte umher.  Nach genau einer Minute war mir klar, dass die Menschen zusammengehörten und dass hier eine “Sdelka” – der Verkauf einer Liegenschaft über die Bühne ging. Dann wurde der Packen mit Geld herumgereicht – der unverkennbare Kurierumschlag mit den zusammengepressten Banknoten. Zuerst würden sie gezählt und dann in ein Bankschliessfach gelegt werden, um nach der Registrierung im Grundbuch an den Verkäufer übergeben zu werden.

Mir kommen die eigenen Erfahrungen beim Kauf meiner Wohnung in den Sinn. Das komische Gefühl, mit Millionen von Rubeln in einer Plastiktüte zu einer Bank zu spazieren wie in einem Western. Das Bedürfnis, einen Revolver bei sich zu haben, um sich gegen die Banditen zu verteidigen, die plötzlich angeritten kommen könnten.

Im Zeitalter elektronischer Banksysteme ist es unvorstellbar für einen Schweizer, soviel Bargeld bei sich zu tragen. Auch hier in Russland gibt es solche, aber sie funktionieren nicht immer. In diesem Fall musste die Kassiererin zuerst eine Verbindung mit der Zentrale in Moskau herstellen. Name, Adresse und Summe des Käufers wurden etwa dreimal laut und deutlich in den Telefonhörer diktiert – Diskretion ist ein Fremdwort. Wozu dann die Milchglasscheiben vor dem Kassenschalter, wozu die Abstand-Markierungen auf dem Fussboden?
In einer Schweizer Bank sind sie “heilig” – wehe, sie nähern sich jemandem, der mit Geld hantiert! Dass ich “Distanz verloren” habe, bemerkte ich bei meinem letzten Schweiz-Aufenthalt als ich vor einem Bankomaten einen bösen Blick einer Frau erntete, weil ich ihr zu nahe getreten war.

Im Geplapper der russischen Bankkunden dachte ich an die Totenstille in einem Schweizer Kassensaal. Das Geflüster vor den Panzerglasscheiben, das leise Floppen der Rohrpost, welche das Bargeld transportiert. Auch hier war es plötzlich still geworden, weil Käufer und Verkäufer in den Saal mit den Schliessfächern verschwunden waren. Nur die Mutter des letzteren und eine der Agentinnen waren hiergeblieben.

Die alte Frau erzählte der Maklerin ihr halbes Leben und alles über ihre Wohnung, in der sie 40 Jahre gelebt hatte. Auch so etwas gibt es in einer Schweiz nicht – dort herrscht eisernes Schweigen. Wer reden muss, verschwindet in ein schallgedämptes Besprechungszimmer. Und genau deshalb mögen die grossen und die kleinen Gauner aller Welt die Schweizer Banken – und genau darum mag ich sie nicht!

Bild: Wer Schweizer ist und nicht reich, wirkt in Russland verdächtig. (Wikimedia Commons)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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