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Typisch Russland: Selbstbedienung zum halben Preis

Von   /  22. November 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Ich werde jetzt nicht über die Bedienung in russischen Restaurants schimpfen. Nein, diese Suppe ess ich nicht! Vielmehr geht es um die seltsame Mischung aus totaler Gleichgültigkeit und astralem Übereifer, die in gewissen russischen Lokalen herrscht und die es glaub ich nur in diesem Land gibt.

Diese Geschichte liess meinen von Baltika-Bier benebelten Schädel an diesem Abend noch lange schmunzeln. Und eben um diese Bier geht es nämlich, beziehungsweise um diese zwei Biere. Ich und mein Kollege kamen an diesem Abend im September in einer der vielen Biergärten zusammen, die während der letzten Jahre in der Umgebung des Newski-Prospekts neben fast jedem Restaurant aus dem Boden geschossen sind. Die Saison war zu Ende, wir waren die einzigen Gäste. Um der Bedienung den Weg zu unserem Tisch zu ersparen gingen wir direkt zur Theke und verlangten zwei Bier – auf Russisch wie gewohnt.

Doch die beiden jungen Männer lehnten gleich in zweifacher Hinsicht ab. Erstens antworteten sie auf Englisch und liessen sich nicht auf ihre Muttersprache umstimmen. Zweitens beharrten sie darauf, uns das Bier zum Tisch zu bringen. Wir verstanden: Die frisch ausgebildeten Vertreter der Gastronomie wollten uns Ausländern ganz offensichtlich einen Topservice bieten.So setzten wir uns und warteten.

Zwanzig Minuten waren schnell um, da bemerkten wir, dass wir noch immer kein Bier hatten. Da ging mein Kollege nochmals zur Bar, und innert Kürze standen die zwei kalten Baltika vor uns. Sie wurden geleert, und diesmal machte ich mich auf den Weg. Dabei bemerkte ich, dass zu dem Biergarten-Personal noch eine junge Frau gehörte, die hinter der Theke abgewandt auf dem Holzboden sitzend ein Buch lass. Komischerweise erhielt ich diesmal unser Bier sofort in die Hand.

Wie wir es schliesslich schafften, dass man uns die Rechnung brachte, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls halfen die üblichen Zeichen, wie Winken, augenzwinkern usw. nicht. Wieder musste aufgestanden werden, um die Rechnung zu verlangen. Als wir schliesslich das Etui mit dem Kassenzettel aufschlugen, mussten wir laut lachen – statt der vier Bier waren lediglich zwei verrechnet worden! Wir entschlossen uns, nicht einzugreifen und es der Bedienung zu überlassen, wie man zwei und zwei zusammenzählt. Wir verstanden es als Kompensation für unsere “Selbstbedienung” hin.

Glücklicherweise hatten wir genau den Betrag bereit, denn sonst hätten wir wohl noch lange auf das Wechselgeld gewartet. Woher diese charmante  Schlamperei kommt, weiss ich nicht. Manchmal scheint es mir, als würden die Russen allen zeigen wollen, wie gut sie die westeuropäische Lebensart gelernt hätten. Und dann, nach kurzer Zeit verlieren sie allen Mut und Selbstvertrauen und lassen das Ganze fahren.

Bild: Hier gab es keine Probleme mit dem Nachschub – Besucher des letzten Bierfestivals in St. Petersburg. (Eugen von Arb/SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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