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Typisch Russland: Petersburger Velosoldat

Von   /  11. August 2013  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Meine russische Schwiegermutter machte Telleraugen, die Nachbarin verwarf die Hände – was war passiert? Ich hatte mir ein Velo – russisch „Velosiped“ – gekauft. Die meisten Russen kriegen bei diesem Wort eine Art Schwindelanfall. Kindheitserinnerungen werden wach, als sie in den Ferien auf der Datscha mit dem Schülervelo in den Strassengraben gefallen sind.

Heute besteigen sie deshalb nur noch umfall-sichere Gefährte, Metro, Lada oder am besten ein Hummer-Mobile, und verstopfen damit die Strassen. Doch radfahren erscheint den Russen nicht nur gefährlich, sondern auch in sozialer Hinsicht als Abstieg, vor allem, wenn jemand neben einem Velo nicht mindestens ein Auto besitzt.

Ich hingegen fühle mich im Sattel geradezu „erhöht“ und erinnere mich stolz an meinen Seki-Schulweg, den ich täglich viermal bei jedem Wetter exerzierte: Bilten, Niederurnen, hin und zurück… Doch von solch schnuckeligen Radwegen wie damals kann ich hier nur träumen – in Russland existiert für sie nicht einmal ein Wort. Hier ist jede Fahrt eine abenteuerliche Pirsch durch ein Land der Verbote, dessen ungeahnte Freiheiten sich immer neu entdecken lassen. Ich werde zum Velosoldat, der sich lautlos durch die Stadtwildnis kämpft, immer bereit, sich mutig einer neuen Gefahr zu stellen.

Meine Fahrt ins Stadtzentrum ist streckenmässig etwa einmal Bilten-Niederurnen und zurück, nur hundertmal komplizierter. Erst muss ich durch den verwilderten Park des Forst-Instituts. Vorbei an Studenten, Arbeitern und Leuten mit schweren Einkaufstaschen aus dem gelb leuchtenden Hypermarkt rolle ich über die holprige Waldwege. Neben dicken Wurzeln muss ich immer wieder Scherben ausweichen, die von Bierflaschen einer nächtlichen Sauferei herrühren. Einmal kann ich nicht mehr bremsen und lande glatt im Glashaufen – der Reifen zischt, aus.

Die Ausrüstung für eine solche Safari muss natürlich stimmen. Einem schmalrädrigen Citybike ohne Stossdämpfer ist hier ein kurzes Leben beschieden, Scherben, Schlaglöcher und „Killer-Bordsteine“ sorgen für sein sicheres Ende. Deshalb sind hier Mountainbikes kein Modetrend, sondern ein Muss. Die billigen russischen Klapp-Velos werden darum meist nur dazu benutzt, um Einkäufe nach Hause zu schieben.

Am Rande des Parks brummt bedrohlich der Verkehr – sich hier einzuordnen, wäre selbstmörderisch. Als Radfahrer ist man für die gepanzerten Kolonnen schwarzer Jeeps und Landcruisers das reinste Freiwild. Darum muss man sich als Zweirädriger zu den Fussgängern auf die grosszügigen Trottoirs gesellen und mit ihnen über die Strasse schleichen. Man wird zwar widerwillig toleriert, doch manchmal auch wird man lautstark vom Fussvolk zurechtgewiesen und kriegt jene Wut zu spüren, die eigentlich den rücksichtslosen Autofahrern gilt.

Weiter  geht es den Kanälen entlang in Richtung Newa-Fluss. Auf den breiten Promenaden tummeln sich ausser ein paar einsamen Inline-Skatern und Fischern niemand – freie Fahrt! Der Wind pfeift in den Ohren, auf der Wasserstrasse kommt mir ein Motorboot entgegen und schon bald bin ich beim alten Schlachtschiff „Aurora“ angelangt und von Touristen umgeben. Noch eine Brücke und ich habs geschafft. Es ist „Tschas-Pik“, russisch Rush-hour, auf vier Spuren steht der hupende Verkehr. Nur ich rolle, und ein Motorrad schlängelt sich frech durch die Kolonnen, bis es auch ihm zu eng wird – als erster rolle ich dem Marsfeld entgegen – Sieg!

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Roman sagt:

    Das ist in der Schweiz vielleicht anders, wenn man von einem Kuhdorf ins andere radelt, aber in einer Großstadt in Deutschland finden sich die gleichen Glasscherben auf den kaputten Radwegen, die Autofahrer sind augenscheinlich voller Mordlust und die Anzahl der Möchtegern-Geländewagen steigt auch seit Jahren.

  2. Markus Müller sagt:

    Das Abenteuer „Fahradfahren“ in St. Petersburg hat sich in den letzten 18 Jahren nur unwesentlich verbessert.

    Mit ein bischen gutem Willen wäre es kein Problem dne Fahradfahrern Ihren Platz im Verkehr zu reservieren.
    Platz hat es ja genug – die Strassen sind breit, die Trotoire auf den grossen Prospekten, sind breit wie normale Strassen anderswo.

    Dies würde jedoch auf kosten der Autofahrer gehen. Die Parken ja ganz gerne in der 2. Reihe auf dem Gehsteig.

    Wenn die Bedingungen besser werden, würde im Sommer jedoch das eine oder andere Fahrrad statt dem Auto bewegt.
    Auch nicht schlecht.

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