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Typisch Russland: Neujahrssorgen eines russischen Unternehmers

Von   /  8. Januar 2016  /  3 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Ein guter Geschäftsmann beklage sich immer über den Geschäftsgang, habe ich einmal gehört. Ein “Selbstgespräch” in dieser Art erlebte ich als ich mit einem Kollegen in einer Büromöbelfirma eine Rechnung abholte. Es war an einem der letzten düster-grauen Abende des ausgehenden Jahres irgendwo im Moskowski-Bezirk als wir an einem wackligen Schlagbaum vorbei auf das Firmengelände fuhren, das zwischen Bahngeleisen und einem dampfenden Heizwerk lag – “gut versteckt vor den Banditen und der Steuerpolizei”, wie Serjoscha meinte.

Keine Anschrift, kein Wegweiser, langsam rollen wir durch Schlaglöcher bis ans Ende der Reihe aus wellblechbedeckten Lagerräumen. Durch eine schwere Eisentür betraten wir ein typisch russisches Kleinunternehmen – so wohnlich wie möglich eingerichtet, aber trotzdem provisorisch, denn man weiss ja nie für wie lange. Im Raum standen ein Getränkeautomat, eine Garderobe, ein grauer Tisch, ein paar graue Stühle. Nur der Chef und die Buchhalterin waren noch da, und weil letztere offensichtlich gestresst war, bediente uns der Chef persönlich.

Er schüttelte uns die Hand und ging dann direkt zu einem der Blechschränke, um einen neuen Kalender aufzuhängen. Den alten Kalender liess er ohne Umschweife in den Mülleimer darunter fallen. Dann wollte er das Titelblatt des neuen mit der Aufschrift “Ein glückliches Neues Jahr” umblättern, liess es aber sein. “Ich weiss gar nicht, was besser ist – das Vorher oder das Nachher – vor dem Silvester die Buchhaltungsprüfung, nachher die Krise”, meinte er und schüttelte den Kopf.

Dann drehte er sich um – “Kaffee? Einen Kaffee gibts noch trotz der Krise”, sagte er lächelnd. “2015 lief noch erstaunlich gut, trotz des Rückgangs an Bestellungen”, berichtete er, obwohl wir ihn nicht danach gefragt hatten. “Da kam noch ein Staatsauftrag herein, bevor das Budget gekürzt wurde. Aber an den Januar mag ich gar nicht denken, der kann einen schon erschrecken”, meinte er ernst und hielt für einen Moment inne, bevor er heisses Wasser in die Plastikbecher goss.

Dann ein langes Schweigen.

“Immerhin hat auch die Krise verschiedene Seiten”, fuhr er fort und verührte den Pulverkaffee. “Wegen der teuren Importpreise mussten wir uns zum Beispiel für günstigere Alumiumprofile umsehen und stiessen dabei auf ein russisches Familienunternehmen. Früher bestellten wir sowas in Finnland, weil es in der Qualität einfach nicht anderswo zu kriegen war.”

Wieder Schweigen und ein Schluck Kaffee. Milch?

“Ja das Familienunternehmen war natürlich gefordert, aber es ist erstaunlich, was die auf ihren selbstgebauten Fräsen fertigbringen. Immerhin, computergesteuert, von selbst gebaut und selbst programmiert – Halbautomaten gewissermassen. Die Deutschen oder Japaner würden lachen, aber die laufen tadellos und ihre Genauigkeit ist erträglich”, erzählt er. Das letzte Wort wiederholt er nachdenklich und nimmt einen weiteren Schluck.

“Aber auch die müssen kämpfen, sie liefern auch in die Provinz, weil sie selber von dort kommen. Das Geschäft läuft nur im Zwischensegment, sobald es Massenware wird, schnappt es sich der Chinese. Das ist bei uns auch der Fall”, meinte er ernst. “Die Chinesen arbeiten mittlerweile auf einer hohen Qualitätsstufe. Und was da alles an Grauimporten reinkommt über die sibirisch-chinesische Grenze ist unerhört! Und der russische Zoll macht dabei macht sein eigenes Geschäft. Ein Staat im Staat – wie die ganze Bürokratie.”

Schweigen und ein böser Blick.

“Die Behörden nehmens von den Lebenden – zum Beispiel hatten wir kürzlich die Inspektion der Feuerpolizei. Ein Jahr haben wir gewartet, um einen Termin zu vereinbaren, und dann kamen sie zwei Tage früher als vereinbart. Ausgerechnet beim Hausmeister, der noch extra die Evakuierungspläne geklebt hatte, haben sie eine Gasflasche neben einem Benzinkanister gefunden. Leer – aber trotzdem verboten.”

Kopfschütteln.

“Naja, 4000 Rubel Strafe, was solls. Nun haben sie wenigstens das Gefühl, gearbeitet zu haben. Geld wollen sie alle. So eine Pest!”

Nachdenken und Blick ins Leere.

“Na dann – ein gutes neues Jahr! Hals und Beinbruch!”

 

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

3 Kommentare

  1. Rejola sagt:

    Toller Einblick in die russische Unternehmerseele!

  2. Max sagt:

    Herrlich! Вот так!

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