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Typisch Russland: Ich darf doch noch ein wenig bleiben?

Von   /  5. April 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Vor genau zehn Jahren wanderte ich nach Russland aus. Wie waren die Russen damals offen für alles von aussen! Mit welcher Begeisterung entdeckten sie ihre totgeschwiegene gemeinsame Geschichte mit anderen Nationen neu: Die Kolonisten aus Westeuropa, die im 18. und 19. Jahrhundert ins Land geholt worden waren, die deutschen Prinzessinnen am Zarenhof, die französische Mode, die italienischen Baumeister, usw.

Man war willkommen als Fremder – überhaupt konnte alles Ausländische gar nicht genug gelobt werden. Es schien, als ob alles, was den Vermerk „importiert“ trug, automatisch besser sein müsse als das eigene russische, auch wenn es nicht stimmte. Ausländer wurden von wie zu Sowjetzeiten als eine Art VIP-Klasse behandelt, was einem ganz schön auf den Wecker gehen konnte.

Das Selbstwertgefühl der Russen wuchs mit zunehmendem Wohlstand, und an der Olympiade in Sotschi 2014 war man wieder wer! Ein schöner Moment, den Russen als Volk mit gesundem Selbstvertrauen zu begegnen. Doch mit der Krimkrise kippte alles in Selbstüberschätzung um – man war nicht mehr nur irgendwer, sondern die Supernation!

Die Isolierung Russlands verstärkte diesen Spleen – die Russen könnten sogar alles noch besser ohne das Ausland – schliesslich habe man ja die Arktis erschlossen, sei als erste Nation ins All geflogen und habe den Faschismus besiegt, tönte es aus allen Rohren der Medien und viele glaubten es. Mit dem Super-Patriotismus kamen die Feindbilder auf und das unangenehme Gefühl, als Mitglied der “Ausländer-Kaste” nun automatisch auf der feindlichen Seite der psychologischen Front zu stehen.

Ich traute meinen Augen nicht, als ich kürzlich am Newski-Prospekt in einem Lokal, wo lange ein Sushi-Restaurants betrieben wurde, einen so genannten “Russischen Pub” entdeckte – das war noch vor kurzem unmöglich! Ein Pub hatte englisch bzw. irisch zu sein – total schräg! Nun war er eben russisch, noch dazu nur kyrillisch angeschrieben, quasi „nur für Russen“. Die Zeiten ändern sich.

Neugierig betrat ich das Lokal, das gespickt war mit Bildschirmen, über die endlos der Stolz der Nation flimmerte: die Armee, die Olympiade, Putin. Bei einer Stange “Sibirische Krone” dachte ich darüber nach, dass es irgendwie nicht mehr so toll ist, in diesem Land Ausländer zu sein. Vor genau hundert Jahren hatte Russland einen ähnlichen Patriotismus-Anfall –  Weltkrieg und Oktoberrevolution löschten praktisch alles Fremdländische aus. Das wirkt nicht gerade anheimelnd, aber ich hoffe, diesmal läufts anders, und ich darf noch ein wenig bleiben.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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