Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Typisch Russland: Hund, Wurst – Politik!

Von   /  16. September 2009  /  3 Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb
Man sagt, die Russen könnten während eines Gesprächs am Küchentisch alle Probleme der Menschheit lösen, seien aber nicht im Stande ihre eigene Wasserleitung zu flicken, die schon seit Jahren tropft. Russen sind oft ein wenig realitätsfern, dafür lassen sie sich jederzeit gerne auf eine leidenschaftliche Diskussion ein – Auslöser kann alles Mögliche sein, zum Beispiel gestern der Hund im Bus.

Stehend döse ich vor mich hin, als mich das Gezeter der Schaffnerin weckt: „Ein Hund, ein Hund!!!“ Tatsächlich liegt ein grosser sandbrauner Strassenhund mitten im Bus an der engsten Stelle – ein richtiger Bäri. „Ich kann nicht vorbei, er wird mich beissen“, geht es weiter. „Warum denn, der liegt hier bequem und tut keiner Seele etwas zu leide“, entgegnet ihr lächelnd ein Pensionär.

„Ach was, einschläfern sollte man diese Strassenköter alle, bevor sie sich vermehren!“ Meldet sich ein Herr im feinen Anzug – und schon teilt sich der Bus in Pro- und Contra-Strassenhund-Fraktionen, die sich wie im Parlament gegenüber sitzen und Tagespolitik betreiben. „Aber warum gleich töten – es reicht doch schon, dass unsere jungen Frauen alle abtreiben!“ Damit macht eine Dame den grossen Sprung zu zwei weiteren aktuellen Themen: die niedrige Geburtenrate Russlands und die hohe Abtreibungsquote. Dankbar wird das Votum aufgenommen und durch den ganzen Bus nach hinten getragen – die „Volks-Duma“ tagt.

Schon rückt die nächste Haltestelle heran, und in der hinteren Bushhälfte freut man sich darüber, kostenlos gefahren zu sein, weil die Schaffnerin nicht durchkommt. Diese hält mir plötzlich einen Schokoladenkeks unter die Nase – „Junger Mann, versuchen Sie damit den Hund wegzulocken“, fleht sie mich an. Aber ich lächle ihr lediglich freundlich ins Gesicht, und sie sucht vergeblich ein anderes Opfer. Politisch sichtlich desinteressiert dreht sich der Hund auf die andere Seite.

„Der will doch keinen Keks – sie müssen ihm schon ein Stück Wurst hinstrecken, damit er sich bewegt“, belehrt eine junge Frau die Schaffnerin. Doch die hat sich überwunden und steigt unversehrt über den Hund – aber die Diskussion geht ohne sie weiter. „Da müssen sie aber eine teure Wurst kaufen – sonst rührt der Hund die Wurst nicht einmal an, bei dem Zeug, was die heute in die Wurst mischen“, murmelt ein Mann, der bisher schwieg, und leitet auf ein weiteres Lieblingsthema der Russen über: die Qualität und Preise der Lebensmittel in Krisenzeiten. Dieser seltsame Dialog lässt mich völlig vergessen, wo ich hinfahre – erst als mich jemand nach der Metro fragt, nicke ich verdattert und steige aus.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Strassenhunde – Bestien oder Opfer von Tierquälern?

Petersburger Hundebesitzer werden an die Leine genommen

Typisch Russland: Ich kaufe nichts! Oder doch? Bazar in der Metro

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

3 Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Klasse ! Den Verwandten Zuhause zu erklären warum man nach langer Zeit immer noch in Russland ist, fällt nicht immer leicht. Oft läufts auf ein „ach Zuhause ist alles so aufgeräumt und – unterm Strich = langweilig“ hinaus. Oder „beim Heimtabesuch fühle ich immer wie in Disneyland nur ohne Eintritt“
    – ja – so fühlt sich St. Petersburg an !

  2. tobias sagt:

    ja, das zaubert ein lächeln hervor. und es ist sehr wahr. fazit: der alltag ist jeden tag wieder schön in petersburg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

MAKSA – expressive Kunstbrückenbauerin zwischen Hamburg und Petersburg

mehr…