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Typisch Russland: Geheim, geheim, geheimnisvoll

Von   /  12. Januar 2010  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Während der russischen Neujahrsfesttage erhält man als Gast bisweilen einen Platz neben einem unbekannten Onkel oder einer Tante zugewiesen. So eine Tischbegegnung kann hochinteressant oder todlangweilig sein – Onkel Sascha war beides. Erst plagte er mich mit den üblichen Geschichten eines unzufriedenen Sowjetrentners: Davon, wie er als redlicher Bürger von Staat und Mafia betrogen worden sei, usw.


Ich wartete schon auf eine Fluchtgelegenheit, als ich plötzlich hellhörig wurde: Vor vielen Jahren, erzählte er plötzlich, seien Geheimdienstleute in Zivil im Büro erschienen, die ihn für Spitzeldienste anwerben wollten. Sie hätten gedroht, dass er bei einer Verweigerung wegen seiner aristokratischen Herkunft seine hohe Position verlieren könnte. „Aber diesen feinen Herrschaften habe ich eine zünftige Abfuhr erteilt“, meinte er stolz. Weitere Episoden seines Widerstands gegen den KGB folgten – Onkel Sascha, ein Held!

Wie seine Verwandten hinterher bestätigten, hatte Onkel Sascha weder eine Kaderposition noch Vorfahren in der Zarenfamilie, obschon er mir zum Abschied eine Visitenkarte mit Familienwappen geschenkt hatte. Auch die Geheimdienst-Geschichten hatten wohl nur den einen Zweck: sich vom kleinen Beamten in eine wichtige und auserwählte Persönlichkeit zu verwandeln.

Dennoch faszinierte mich die Begegnung, und mir kam in den Sinn, wieviele Russen der Sowjetgeneration von derselben Geheimdienst-Psychose befallen sein müssen. Ich erinnerte mich an eine Redewendung, die Russen während Telefongesprächen verwenden, wenn sie auf persönliche Dinge zu sprechen kommen: „Dieses Thema gehört nicht ans Telefon“ – das heisst: „Achtung wir können belauscht werden!“ Tatsächlich sitzt die Angst vor Überwachung und Spitzeltum noch heute vielen tief in den Knochen – zu Recht, denn Polizei und Geheimdienst wurden trotz politischer Wende niemals grundlegend reformiert, geschweige denn für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen.

Darum werden heute alle ungeklärten Geschehnisse – und davon gibt es in Russland besonders viele – als Geheimdienst-Aktion deklariert. Bei prominenten Todesfällen, schweren Unfällen und Katastrophen verdächtigt man oft viel eher den eigenen Geheimdienst, als dass man eine rationale Erklärungen sucht. Eine der erfolgreichsten russischen Zeitungen heisst „Streng Geheim“ und ernährt sich von dieser Flut aus Verschwörungstheorien und Gerüchten über dunkle Machenschaften in der Politik. Ihre Leser wollen im Prinzip nur eines: ein Bild von diesem allgegenwärtigen Phantom namens Geheimdienst erhaschen. Sie wollen das Gesicht dieses geheimnisvollen russischen Über-Ichs endlich sehen.

Bild: Montage/Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    psst !
    so was erzaehlt man doch nicht im Internet !

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