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Typisch Russland: Fluchen verboten – verdammt nochmal!

Von   /  18. Juni 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

„Rauchen und Fluchen verboten!“ – solche Verbotsschilder stehen am Eingang gewisser russisch- orthodoxer Friedhöfe und Pilgerstätte. Über die Vorstellung, dass Flüche wie Zigarettenqualm „die Luft verpesten“ könnten, musste ich immer ein wenig schmunzeln.

Lange konnte ich mir nicht vorstellen, dass das russische Dichter- und Denkervolk überhaupt fluchen kann. Wie die meisten Ausländer liess ich mich vom Mythos der Wohlerzogenheit der Jünger Puschkins beeindrucken, den die Russen geschickt zu wahren wissen.

Mein Verhältnis zum Fluchen ist normaler schweizer Durchschnitt. An die kindliche Faszination über ein besonders grobes Schimpfworts auf dem Schulhof erinnere ich mich ebenso gut wie an den leidenschaftlichen „Gopferdämmeler“, der neben mir auf der Basler Paketpost arbeitete. Aber eigentlich ist ein richtig platzierter Fluch nichts Verbotenes. Er hat seinen Platz im schweizer Mundwerk und muss nicht versteckt werden.

Bei einer Fremdsprache hingegen hat man in der Regel andere Probleme als Schimpfwörter zu lernen – doch kannte ich natürlich bald einmal ein paar Schimpfwörter – zum Beispiel „Gavno!“, auf Russisch „Scheisse!“. Je mehr man in eine Sprache eindringt, desto mehr Nuancen bekommt man eben mit.

Aber erst nach sehr langer Zeit habe ich herausgefunden, was in Gesprächen unter Russinnen und Russen gewisse Seitenblicke und Bemerkungen oder gar peinliches Schweigen bedeuten – “ Mat“, der russische „Mutterfluch“, auch unzensurierte Sprache genannt. Während der Sowjetzeit in Literatur und Film verboten, bekennt man sich erst seit der Perestroika zaghaft öffentlich zu ihrer Existenz.

Vier Wörter aus dem Intimbereich  bilden den Kern der russischen Fluchsprache, die in unzähligen Kombinationen existiert und für die man von Akademikern mit dem Bann des Schweigens und strafenden Blicken belegt wird.

Aber eben: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Das ist auch hier nicht anders – besonders, wenn man einen Schnaps zuviel gehabt hat. Dann fliegen die „Schwänze“ und „Huren“ durch die Luft, dass es eine Freude ist, und so mancher Vertreter der „gebildeten“  Schicht erweist sich als besonders talentierter Flucher.

Es gibt auch völlig nüchterne Schimpfer, die hinter jedes zweite oder dritte Wort einen Fluch aus dem Giftschrank klemmen, ja direkt kunstvoll schweinigeln. Zum Beispiel mein Bürokollege Vladislav, der oft so laut spricht, dass die Wände wackeln.

Unsere gut erzogene Oxana hatte ihm den Krieg erklärt – sie könne nicht mit einem Menschen zusammenarbeiten, der „Mat“ spreche, verkündete sie regelmässig im Erzieherton. Der Konflikt zwischen den beiden eskalierte, und schliesslich verliess sie erhobenen Hauptes die Firma. Der fluchende „Flegel“ hingegen blieb auf seinem Platz und schickt noch heute alle Welt zum Teufel.

Bild: Koen Vanmechelen/ Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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