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Typisch Russland: Dreckiger Dreck und sauberer Dreck

Von   /  11. Februar 2014  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der Winter ist zugleich die sauberste und die schmutzigste Jahreszeit in Russland. Bei minus 15 beisst zwar der Frost im Gesicht, aber man kommt auf gefrorenen Wegen sauberen Fusses durch die Stadt. Aber wehe, es wird wärmer! Dann beginnt die grosse Sauerei, und die weisse Pracht verstopft in grau-schwarzen Riesenpfützen die Kanalisation.


Den schmutzigen Brei trägt man überall mit sich herum, im Bus, in der Metro – bis ins Büro. Selbst minutenlanges Stampfen und Klopfen auf dem Fussabtreter hilft nichts. Eine Matsch-Spur hinter sich herschleppend und begleitet von missbilligenden Blicken, zieht man an den Arbeitsplatz.

Auf der Autobahn versprüht man kanisterweise Putzmittel, um den klebrigen Kot von der Windschutzscheibe zu wischen, in allen Geschäften und Ämtern wieselt das Putzpersonal umher, um die Böden auf Hochglanz zu halten – zwecklos!

Es gibt auch Amüsantes zu beobachten – zum Beispiel wenn russische Frauen in ihren Pelzmänteln und hochhackigen Schuhen aus dem geparkten Jeep direkt in eine riesige Schneepfütze steigen. Pfui! Beziehungsweise Fuh! So wird dann auf Russisch geschimpft.

Und schon gefriert der Pflotsch wieder, und feiner weisser Schnee rieselt darüber, der dann wiederum festgetreten wird, schmilzt und gefriert – bis der eigentliche Erdboden von unzähligen Eis- und Schmutzschichten bedeckt ist.

Die lösen sich im April auf einen Schlag auf. Dann treiben auf der Newa die Eisschollen ins Meer, und sämtliche Wege und Parks verwandeln sich in ein schmutzig-braunes System von Kanälen und Pfützen, das von oben gesehen wie der Amazonas aussieht und im Storchenschritt überquert werden muss. Was nicht wegschwimmt, trocknet an der Sonne, und wird vom Frühlingswind neu verteilt. Dann knirscht der Staub zwischen Zähnen.

Oh, wie hassen die Russen ihren Dreck – wie ein Todfeind wird er verfolgt! Bis vor die Haustür und nicht weiter – Hausschuhe anziehen! Nirgendwo habe ich die Menschen verzweifelter putzen und polieren sehen. Dabei müsste das Bauernvolk seinen Dreck, seine Erde lieben, die es stets genährt und sogar verteidigt hat. Zusammen mit Väterchen Frost haben Sumpf, Morast und Staub Napoleon und Hitler aus dem Land gejagt.

Was ist bloss aus dem Dreck in meiner eigenen Bauernheimat geworden, wo einem jeder Waldweg wie ein polierter Parkettboden vorkommt? Haben die Schweizer den Dreck besiegt oder verjagt? Oder ist er selbst vernünftig geworden und hat sich in Bio-Gartenerde verwandelt? Wahrscheinlich hatte er einfach genug von seinem Drecksjob und ist endlich sauber geworden.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. eva sagt:

    Tja, leider – aber es ist ja nur die eine Hälfte der Schweizer, die so denkt, ich gehör bestimmt zur anderen!

  2. com sagt:

    Die Vermutung liegt nahe, dass die Schweiz nach Sichtung der Personalien des Drecks per Volksentscheid beschlossen hat, dass auch dem Dreck weiterhin keine Freizügigkeit mehr gewährt werden kann!

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