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Typisch Russland: Der passende Sound für die Metro-Röhre

Von   /  30. September 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Zwei Drittel meines Arbeitswegs führen durch die Peterburger Metroröhre. 40 Minuten Dunkel, Gedränge, Stehen, Gesichter, Blicke. 40 Minuten Rucken, Beschleunigen, Bremsen und Türenzischen. Zusammengepresst wie „Kilki“ (kleine Fische) in der Dose rattern die Menschenmassen durch den Untergrund.

Wie Förderbänder transportieren sie die Rolltreppen hunderte von Metern ins Metroloch und wieder zurück. Oft ist das Gedränge so dicht, dass einem die Nachbarn von hinten in den Nacken atmen oder von vorne böse Blicke zuschicken, weil man ihnen eine Tasche in die Magengrube drückt.

Aber trotz der Enge versuchen sich alle irgendwie zu beschäftigen – man liest, löst Kreuzworträtsel oder betet sogar. Noch immer sind die Russen ein „Volk der Leser“, doch viele von ihnen sind mittlerweile zu „Ebook-Lesern“ geworden. Über das gleissend-helle Display der Handys wandern dicht vor der Nase Romane in Mikroschrift. Noch immer sind die russischen Klassiker Puschkin, Tolstoi und Dostojewski auszumachen, ebenso populär sind die Science-Fiction-Romane von den Strugatzki-Brüdern oder die Fantasy-Geschichten von Max Frei, dem Pseudonym der populären Autorin Svetlana Martynchik und ihrem Mann Igor Steopin. Jeder Passagier scheint abgeschirmt von einer unsichtbaren Haube aus Fantasie und Träumen.

Auch vom Fahrtlärm versucht man sich zu isolieren – am besten mit Sound im Ohr. Während der Jahre habe ich mir meinen ganz eigenen für das Metro-Labyrinth zusammengestellt. Am besten passt eindeutig Jazz – manchmal gemächlich und locker, manchmal schwarz und düster. Wenn ich das verschnörkelte und schöngeistige Petersburg nicht mehr sehen will, verwandle ich es in eine amerikanische Grossstadt und lasse mir die Ohren mit BigBand-Blech von Glenn Miller oder den Dorsey Brothers durchputzen. Bin ich traurig, so heitert mich Fats Waller auf, bin ich leidenschaftlich, so versteht mich Dinah Washington.

Vermisse ich Europa, so trällert Josephine Baker mit ihrem Kaugummi-Französisch für mich, und ich stelle mir vor am Trocadéro auszusteigen, statt an der Station Jelisarowskaja. Packt mich der schweizer Trotz, so lasse ich einen naiven Ländler oder den sturen Berner Marsch gegen den russischen Alltagsstrom anlaufen. Gehts wieder aufwärts auf der Rolltreppe in Richtung Tageslicht, dann packt mich gelegentlich eine verbotene Verwegenheit – dann ist es Zeit für Leonard Cohen: „First we take Manhattan, then we take Berlin“ – aber statt stattdessen erobert meine Seele Russland!

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Der Soundtrack zum U-bahn fahren.
    Mich wundert auch das im Radio, in der U-Bahn und in den Restaurants gerne und ausfuerliche Amerikanische Musik, Jazz, Rock n Roll und viel aktuelles gehoert wird. Auch per naechsten Fuenjahresplan wird die Propaganda das nicht so schnell aus den Leuten rausbekommen. Die Amerikaner sind halt an allem schuld, auch an guter Musik.

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