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Typisch Russland: Der Glaube an die Uniform kehrt zurück

Von   /  2. Juli 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Noch heute muss ich über den Schrecken lachen, den mir als frisch dressierter Rekrut anfang der Neunzigerjahre in der Kaserne der Anblick einer völlig verkommenen Abteilung von Reservisten einjagte: Vierzigjährige, die die Nase voll hatten vom Kriegsspiel, Offiziere mit offenem Hemdkragen, die einander dutzten, herumschlurfende, unrasierte, struppige Soldaten – kurz: ein „Sauhaufen“. Mir wurde klar, zu was einem verängstigten Affen ich in der Armee geworden war. Gleichzeitig hatte ich gelernt, die Menschen und ihre Uniformen zu beobachten.


Zur selben Zeit war in Russland ein ganzes Volk „desertiert“ – eine Gesellschaft, die zuvor in Uniformen steckte, liess sich gehen. Der Umgang mit den Uniformen spiegelte die Auflösung eines ganzen Staates. Das fiel mir erstmals 1996 im Zug Berlin-Moskau bei unserem ziemlich ausgeleierten Zugsbegleiter auf – ein netter Kerl, der Wodka mit uns trank. So légèr wie sein Umgang war auch seine Uniform, von der nur noch das hellblaue Hemd übrig geblieben war.

Auch die übrige russische Gesellschaft schien keine Lust mehr darauf zu haben – die Uniformen der Parteiorganisationen und die Schuluniformen verschwanden aus dem Strassenbild. Soldaten und Polizisten liefen herum wie sie wollten.

Damit lagen die Russen im Trend – auch in der Schweiz verschwanden die Uniformen. Viele Uniformierte wurden zu Zivilisten. Polizei- und Armee-Uniformen schienen sich immer mehr in eine Art Mehrzweck-Freizeit-Bekleidung zu verwandeln.

Bis ich vor kurzem ein Petersburger Tram fotografierte und wie ein Schachtelteufel der Tramführer aus seiner Kabine schoss und es mit verbot. Viel mehr als seine Drohungen erschreckte mich aber sein Aufzug: einen Tramführer in Uniform hatte ich nie zuvor gesehen! So klapprig sein Tram auch war – so glänzend war sein blauer Uniformrock.

Dasselbe passierte mir kurz danach in der Metro. Auch hier war der Verweis zweitrangig – viel imposanter war das Auftreten der Metroschaffnerin: aufgedonnertes Tenü und volle Kriegsbemalung – sie hatte sogar ihr unpraktisches rotes „Schiffchen“ aufgesetzt. Die Schlagzeilen bestätigen diese Entwicklung: Die Schuluniform – 1992 abgeschafft – ist ab dem kommenden September wieder vorgeschrieben. Russland glaubt wieder an die Uniform.

Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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