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Typisch Russland: Bürokratie – “teilprivatisiert”

Von   /  18. September 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Normalerweise braucht man den Pass für die Ferien und nicht umgekehrt – nur Russland mit seiner elefantösen Bürokratie macht das möglich. Eine russische Bekannte, die in der Schweiz lebt, besuchte uns kürzlich in St. Petersburg – Hauptgrund des Aufenthalts waren nicht wir, sondern ihr Reisepass, den sie erneuern musste. Schon am ersten Tag nach ihrer Ankunft unternahm sie einen ersten Anlauf, und ging auf die Polizei, um sich nach den nötigen Dokumenten zu erkundigen. Völlig demoralisiert kam sie zurück – „Ich fürchte, mein ganzer Urlaub wird dabei draufgehen“, klagte sie.


Tatsächlich genügt schon ein Blick in die Schalterhalle gewisser Polizeistellen, um eine Depressionen zu kriegen: verschlungene, Warteschlangen, Menschen mit gereizten und resignierten Gesichtern, die mit dicken Papierdossiers in den Händen anstehen. Dahinter uniformierte Bürokratinnen, die gestresst die Papierberge durcharbeiten, die man ihnen über den Tresen reicht. Ab und zu durchschneidet eine resolute Stimme das Gerede, wenn eine Beamtin unter den vordrängelnden Bittstellern für Ordnung sorgt. Unsere Bekannte tat uns leid – das Leben in der Schweiz hatten sie die Zustände auf Russlands Ämtern vergessen lassen, sie hatte einen Schock.

Doch schon am zweiten Tag meldete sie sich erleichtert: Die Unterlagen seien schon eingereicht, und in einer Woche könne sie den Pass abholen – was war geschehen? Ganz einfach: Sie hatte das „Zentrum für Dokumente“ entdeckt, ein Privatunternehmen, das seine Kunden per Gratisbus an der Metrostation abholt und sie ebenso freundlich wie rasch bedient. Die höheren Gebühren für den Pass – ein Vielfaches der offiziellen Kosten – nähme sie gerne in Kauf, wenn sie die Strapazen auf der Polizei nicht ertragen müsse, meinte sie begeistert.

Kurz darauf reiste sie mit dem neuen Pass wieder aus – kein Schwindel, alles echt, alles legal! Etwas später entdeckte ich im Metrozug die Werbung für diesen Service. Von der Aufenthaltsbewilligung bis zur Arbeitserlaubnis kann das Zentrum alles innert normaler Frist beschaffen. „Ein kleines Wunder ist geschehen“, dachte ich, “ der gigantische Staatsapparat wurde still und heimlich teilprivatisiert – der siebenköpfige Drachen nicht besiegt, sondern einfach umgangen.“

Dass der Staat dieses „Wunder“ bisher zumindest ignoriert, erfuhr ich, als ich auf der Rolltreppe nach oben fuhr und es aus dem Lautsprecher dröhnte: „Bürgerinnen und Bürger! Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass sämtliche persönlichen Dokumente, Pass, Aufenthaltsbewilligung, Arbeitserlaubnis ausschliesslich von staatlichen Stellen ausgestellt werden dürfen – Privatfirmen sind dazu nicht befugt!“

Bild: Leere russische Amtsstube nach Schalterschluss (Eugen von Arb/SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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