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Typisch Russland: 24 Stunden Leben – schlaflos im Hostel

Von   /  14. Februar 2014  /  Keine Kommentare

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Von Kerstin Strey

Heutzutage kennen wir  neben der klassischen Familie viele weitere Formen des Zusammenlebens: Die Patchwork Familie, die studentische Wohngemeinschaft – oder in Russland die „Kommunalka“, eine mehr oder weniger freiwillige Wohngemeinschaft. Eine weitere Form hat sich in den letzten Jahrzehnten in Europa entwickelt und ist seit einigen Jahren auch in den russischen Großstädten verbreitet – das Hostel. Das Spar-Hotel wird jedoch inzwischen nicht mehr nur von Rucksackreisenden genutzt, sondern ist auch in Russland zu einem Wohnort der Begegnungen und des Zusammenlebens geworden.

Drei Monate lebe ich hier, mitten in St. Petersburg, zwischen Ägyptern, Spaniern, Australiern, Chinesen, Türken, Franzosen und Russen. Die Menschen kommen aus allen Ecken der Welt hierher und bleiben wenige Tage oder Monate, einige sind sogar jahrelang hier sesshaft: Reisende und Studenten, die ihr Englisch verbessern wollen, „Bisness-Meny“ – Geschäftsleute oder solche die es gerne wären – und Auswärtige auf Job- und Wohnungssuche. Viele von ihnen wissen aber selber nicht genau, warum sie eigentlich hier sind.

Die ersten, die morgens das Haus verlassen, sind die Kurzzeittouristen, die denken, sie können an einem Tag die Eremitage, die Isaaks Kathedrale, die Christi-Auferstehungs-Kathedrale und das Puschkin-Museum besichtigen. Währenddessen besetzen die 24-Stunden-Stubenhocker Sofa, Glotze, Küche und Hostel-Computer. Mittags will ich mir etwas kochen, aber bei dem Geruch, der aus dem Kühlschrank kommt, vergeht mir der Appetit. Er ist außerdem so voll gestopft, dass ich meine eigenen Vorräte nur mit Mühe finden würde. Wenn Sie denn überhaupt noch am Leben sind, denn es wird auch gerne „geteilt“.

Dafür werde ich oft von meinen Mitbewohnern mitversorgt.  Nur meinem Vegetarier-Dasein begegnen die meisten mit Unverständnis, wenn nicht Entsetzen:  „Und auch kein Hühnchen?!“ Der Nigerianer bietet mir etwas von seinem, wie er stolz betont, „vegetarischen“ Nudelauflauf an. Schinkenstückchen zählen natürlich nicht. Abends will ich mir nun doch Spaghetti kochen, aber da kommt gerade meine neue türkische Mutti nach Hause, und nimmt mir die Spaghetti-Packung wieder aus der Hand, denn sie wollte doch gerade etwas Anständiges kochen. Heute also wieder türkisch, auch gut, und extra für mich wird das Hühnchen separat gekocht.

Ashley aus Holland, die heute angereist ist, kommt mit ihrem Wackelpudding in die Küche und setzt sich zu uns. Sie hat die Schule abgebrochen, ist die letzten Monate durch Skandinavien getrampt, und warum sie jetzt hier ist, weiß sie selber nicht genau. Aber Russland findet sie ziemlich abgefahren. Als Ashley in übertriebener Laustärke auf Englisch mit einem breiten amerikanischen Akzent zu reden loslegt, verstummt der Rest der Anwesenden in der Küche. Keiner versteht ein Wort, aber die „Rhetorik“ ist so beeindruckend, dass sie alle nur ungläubig anschauen. Während ihrer Rede fängt sie immer wieder lauthals an zu lachen.

Mohammed, Erheb, Ahmed und Ahmed, die vier Ägypter, kommen um Mitternacht zurück. In der Küche werden Sie freundlich mit einem lauten, freudigen „Chabibis!“ von dem schmächtigen Russen begrüßt,  worauf ein munteres Händeklatschen und Begrüßen beginnt. Die vier fangen an zu kochen, und sofort kommen mir wieder die Tränen, wegen den vielen Zwiebeln. Ich fliehe in das Wohnzimmer, wo die Chinesen Neujahr feiern.

Als endlich alle satt sind, gibts noch Shisha. Zwischen russischen und ägyptischen Delegation entwickeln angeregte Diskussionen über die Geschmachssorten des gerauchten Nachtischs. Aber ich hab nach der zweiten Runde genug und gehe schlafen. Eine Stunde später werde ich wieder geweckt, von Mohammed, denn er hat eine Shisha „Arab Style“  gebaut, und die muss ich unbedingt probieren. Inzwischen haben  die Russen ihren Wodka ausgepackt, und es wird mit allen angestoßen.

Ich will zurück ins Bett, da kommt  der Turkmene Esger, der heute an der Rezeption ist: „Ey, Nemka!“  („Deutsche“, so nennen sie mich). Er hat Hunger und will einkaufen gehen, ich soll doch bitte fünf Minuten die Rezeption übernehmen. In die Arbeit bin ich schon eingewiesen: Wenn jemand klingelt, die Tür aufmachen, und wenn jemand anruft, nicht rangehen. Also tu ich ihm noch den Gefallen, dafür bringt er mir Schokolade mit. Das Frühstück am nächsten Morgen verpasse ich leider, was aber nicht schlimm ist, denn Natascha hat wieder Bliny gemacht. Wenn doch Wowa nur nicht wieder tiefgefrorene Garnelen essen würde, so dass mir der Appetit – mal wieder – vergeht!

Ist das Hostel-Leben auch noch so bunt und spannend – es kann auch ganz schön anstrengend sein. Es braucht seine Zeit, bis sich mein deutsches Gehirn an diesen multikulturellen „Zirkusalltag“ gewöhnt hat  und ich es schaffe, dieses ununterbrochene Treiben auszublenden, wenn mir nicht danach ist. Aber trotz allem nehme ich dann doch immer wieder gerne an diesem Leben voller Emotionen, lustiger Missverständnisse, endloser Diskussionen und fideler Kochereien teil.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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