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Türengalerie: Die zerbrechliche Morphologie eines Blatts

Von   /  2. August 2017  /  Keine Kommentare

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eva.- Mit ihrer jüngsten Ausstellung beweist die Türengalerie einmal mehr, dass selbst in einer Streichholzschachtel ein ganzes Universum Platz findet. Die „gestickte Weltsicht“ des Künstlerpaars Sergei und Elena Larionowa erinnert ihr Publikum auf poetische Weise an die Grösse alles Kleinen.

Wer im Herbst ein vergilbtes Ahornblatt gegen das Licht hält, entdeckt das Mikronetz der Adern, die den kleinen Organismus während seines kurzen Lebens versorgen. Dieser Moment verleitet das menschliche Bewusstsein in der Regel einem kleinen „Relativitäts-Hüpfer“. Denn mag das Leben eines Blatts im Vergleich zu unserem lächerlich kurz erscheinen, so ist die Existenzdauer des ganzen Baums an unserer gemessen gigantisch.

Ein „Riesenlabor“ auf kleinstem Raum

Genauso verhält es sich mit der Grösse eines Blatts und seiner Morphologie. Licht und Wasser, das ist alles, was so ein Blatt auf den ersten Blick braucht. Schaut man sich jedoch den hoch komplexen chemischen Prozess der Photosynthese an, den die Menschheit bis heute trotz höchster Anstrengungen nicht kopieren kann, so verwandelt sich das „simple“ Blatt auf einen Schlag in ein Riesenlabor mit tausenden von Abteilungen, in denen millionen von Mikroprozessen gleichzeitig ablaufen.

Ein feines Blatt hat Elena Larionowa nach dem Konzept ihres Partners Sergei Larionow gestickt. Nach den Umrissen und den Hauptadern mit weissem Faden deutete sie in grüner Farbe die Fortsetzung des Netzes an, das sich mehr und mehr verzweigt immer feiner wird. Die Feinheit und Zerbrechlichkeit spiegelt zum einen ihre eigene Seele. Zum anderen ist es ein Gesamtbild der Natur, der Welt des Universums.

Ist das Blatt verletzt, gebrochen?

So wie im Herbst das Sonnenlicht, beleuchtet und durchleuchtet zugleich eine UV-Lampe das kleine Natur-Kunstwerk und verleiht im den Charakter eines Röntgenbildes. Ist das Blatt verletzt, gebrochen? Ist in der Seele der Künstlerin etwas gebrochen? Oder will sie nur auf die Verletzlichkeit der Natur hinweisen? Der Blick wandert über die sensible Struktur und verliert sich irgendwann – mitten im Universum.

Im geistigen Labyrinth lässt sich beliebig weit in jede Richtung gehen, nicht einmal der Holzrahmen um das Objekt hält einen auf. Es ist nur eine Frage des Abstraktionsvermögens und der Verspieltheit. So wie man in Gedanken leicht durch den Türrahmen der Galerie in das geheime Zimmer dahinter gelangen kann, wenn man bereit ist, die Betonmauer aus sturen Konventionen hinter sich zu lassen.

Bis 3. September. Türengalerie. Kulturzentrum Puschkinskaja10. Eingang vom Ligowski-Prospekt 53. www.p-10.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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