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Trotz politischer Eiszeit: Deutsche Firmen bleiben in Russland

Von   /  18. August 2015  /  Keine Kommentare

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spn.- Deutsche Unternehmen wollen trotz der politischen Eiszeit zwischen Moskau und Berlin weiterhin Geschäfte in Russland machen, schreibt die „Nesawissimaja Gaseta“. Daimler-Benz erwägt sogar, ein Werk bei St. Petersburg zu eröffnen und möchte dafür kostenloses Bauland.

Laut Umfragen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer schätzen zwar etwa 85 Prozent von insgesamt knapp 6000 in Russland präsenten deutschen Unternehmen die Wirtschaftslage hierzulande negativ ein. (Das ist der absolute Tiefpunkt, seitdem diese Umfragen durchgeführt werden.) Dennoch konnten 20 Prozent der Firmen ihren Umsatz in Russland um bis zu 50 Prozent steigern.

Aus der Sicht der Experten ist dies der Beweis dafür, dass die deutschen Geschäftskreise bereit sind, sich den Umständen in Russland anzupassen. 25 Prozent der Unternehmen wollen ihre Produkte nicht nur nach Russland exportieren, sondern zum Teil auch in Russland herstellen. Besonders aktiv sind Siemens und BASF-Wintershall auf diesem Gebiet.

Grösstes Problem sind Dual-Use-Güter

Die meisten Firmen, vor allem kleine und mittelständische, haben jedoch Probleme in Russland. Laut dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft ist der deutsche Export nach Russland zwischen Januar und Mai um 4,4 Milliarden Euro (34 Prozent im Jahresvergleich) geschrumpft. Ende 2015 könnten die Verluste auf 20 Milliarden Euro steigen.

Die größten Probleme sind für die deutsche Wirtschaft mit dem Verbot des Exports von Dual-Use-Gütern nach Russland sowie mit dem Absturz des Rubels verbunden. Die Schwäche der russischen Währung lässt sich aber nicht nur auf die Russland-Sanktionen zurückführen, sondern vielmehr auf die Rohstoff-Abhängigkeit der russischen Wirtschaft und auf die verspätete und inkonsequente Reaktion der Zentralbank auf die sich verändernde Lage in der Welt.

Effekt der Sanktionen wird angezweifelt

Der Präsident der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer Rainer Seele sagte dazu: „Die deutsche Wirtschaft bleibt dem russischen Markt treu. (…) Für knapp drei Viertel ist Russland unter den Top Ten der Zielmärkte, für 25 Prozent sogar auf Platz eins.“

Das ist ein Beweis dafür, dass die Deutschen nüchtern und pragmatisch vorgehen. Denn obwohl von den gegenseitigen Sanktionen immer mehr deutsche Unternehmen betroffen sind, halten drei Viertel der in Russland aktiven Firmen den politischen Effekt der Sanktionen für nichtig.

Niedersächsischer Ministerpräsident kommt nach Russland

Das bestätigte auch eine Studie des deutschen Meinungsforschungsinstituts Forsa, die im Auftrag von Wintershall im Vorfeld des im Juni in St. Petersburg abgehaltenen Internationalen Wirtschaftsforums durchgeführt wurde: Die meisten Bundesbürger halten Russland trotz der heftigen politischen Kontroversen für einen zuverlässigen Partner auf Gebieten wie Wirtschaft und Energiewirtschaft.

Das ist offenbar auch ein Grund für einen für Ende August bzw. Anfang September geplanten Russland-Besuch des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, der nach Angaben der Deutschen Welle (DW) die meiste Zeit in Tjumen verbringen wird, wo deutsche Unternehmen große Interessen auf dem Gebiet Ölverarbeitung haben. Obwohl dabei keine Treffen mit russischen Politikern vorgesehen seien, sei dies ein Beweis dafür, dass die Versuche der Europäer, Russland zu isolieren, gescheitert seien, so DW.

Daimler will Gratis-Gelände für Petersburger Werk

Der deutsche Autobauer Daimler hat den Gouverneur von Sankt Petersburg, Georgij Poltawtschenko, gebeten, kostenlos ein Baugelände für eine PKW-Fabrik zur Verfügung zu stellen, schreibt die Zeitung „Wedomosti“.

Einem Sprecher von Mercedes-Benz zufolge wurde noch kein endgültiger Beschluss gefasst, eine Produktionsstätte in Russland zu eröffnen: „Nichtsdestotrotz verfolgt die Daimler AG die lokalen Produktionsbedingungen, indem sie die Entwicklung des Marktes und das Absatzpotential berücksichtigt. Das gilt für alle Märkte, darunter auch für den russischen“.

Bessere Bedingungen dank Krise

Daimler produziert bereits in Russland – schwere LKW (Joint Venture mit KamAZ) und mittelgroße Nutzfahrzeuge (in einem GAZ-Werk). Mit der PKW-Produktion werde der deutsche Autobauer seine Positionen in Russland ausbauen, unter anderem auch die Möglichkeit, an staatlichen Ausschreibungen teilzunehmen, so der Geschäftsführer der Beratungsfirma EURussia Partners, Iwan Bontschew.

Ihm zufolge kann sich Daimler bei der Suche nach dem Produktionsstandort noch Zeit lassen: „Wegen der Rezession auf dem Markt und dem Ausbleiben von großen westlichen Investoren können derzeit bessere Bedingungen ausgehandelt werden. Wenn Daimler das Gelände für den Bau des Werkes umsonst bekommt, ist das ein Präzedenzfall für die Autobranche.”

Autobauer wie AvtoVAZ in Toljatti und Ischewsk, Ford Sollers im Gebiet Leningrad und Tatarstan oder Nissan in Sankt Petersburg mussten die Areale für ihre Werke aus eigener Tasche bezahlen, wie aus der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg heißt.

Bild: Bosch-Siemens in Strelna bei St. Petersburg (Foto: Eugen von Arb/ SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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