Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Timur Hodschanyasov: “In Russland hat man mehr Chancen”

Von   /  30. September 2018  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Emily Orlet

Der Turkmnene Timur Hodschanyasov lebt als Student und Fremdarbeiter in St. Petersburg – kein leichtes Los. Doch er bleibt trotz allem optimistisch und meint, dass Russland im Vergleich zu seiner Heimat doch einiges mehr zu bieten hat.

In Sankt Petersburg wie in den meisten russischen Grossstädten gehört die Gruppe der Leute, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, darunter vor allem Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan, eingewandert sind, fest zum Stadtbild. Die meisten kommen hierher um zu arbeiten, teils unter miserablen Bedingungen, doch auch für ein Studium zieht es viele junge Leute nach Russland. So auch Timur Hodschanyasov aus Turkmenistan. Mit 17 Jahren verliess er sein Land um in Sankt Petersburg Forstwirtschaft zu studieren. Jetzt, drei Jahre später, plant er bereits seine Zeit danach, er träumt von Europa oder Amerika. Mit dem Sankt Petersburger Herold spricht er über seine Herkunft, Russland und was man in Kauf nimmt für eine bessere Zukunft.

Zwei Fremde treffen sich

Alles begann damit, dass ich Stammgast im Café um die Ecke wurde: viel Kuchen zu guten Preisen, dazu eine entspannte Arbeitsatmosphäre. Das Schöne an dieser unaufgeregten Caféhaus-Kette war, dass man bei der Arbeit vom Desktop aufblicken und den vorbeigehenden Menschen und ihren Gesprächen nachhängen konnte. So verbrachte ich ganze Nachmittage. An einem dieser Nachmittage schob sich in mein Blickfeld immer wieder der junge Mann mit Kurzhaar-Schnitt, der mit höflichem, aber entschiedenem Auftreten den Gästen die Plätze zuwies, die Tablets abräumte und die Tische ordnete. Wenn es für ihn nichts zu tun gab, sass er einfach nur an einem Tisch und blickte den Leuten genauso versunken hinterher, wie ich es tat.

Es sollte sich ergeben, dass wir ins Gespräch kamen und er mir erzählte, woher er kam: Turkmenistan. Er begann sein Land und seine Lebenszusammenhänge zu beschreiben, erzählte ohne Umwege, ohne Wehmut und ohne lange an einem Punkt zu verweilen. Da fragte ich am Schluss, ob er Interesse daran hätte, seine Geschichte nicht nur mit mir, sondern auch mit den Lesern des Herolds zu teilen – er zögerte einen Moment, doch dann sagte er: Ja.

„Turkmenistan ist ein geschlossenes Land.“

Timur Hodschanyasov kommt aus Turkmenistan, genauer gesagt aus Dashoguz, einer Stadt im Norden des Landes, nahe der Grenze zu Usbekistan. Zu seiner Stadt sagte er: „Im Winter zu kalt, im Sommer zu warm. Aber wir haben Kamele.“ Bis er 17 Jahre alt war, lebte er dort zuhause bei seiner Familie. Die schönsten Erinnerungen hat er an die Gartenarbeit mit seinen Grossvätern. „Ein Kind ist immer schwach. Aber sie haben mich stark gemacht.“ In vielen Dingen sind seine Grossväter seine Vorbilder. Aber er erwähnt, dass auch Che Guevara für ihn ein Vorbild ist. Er bewundere ihn dafür, dass er sein Land verändert habe.

Nach seinem Schulabschluss hat seine Schwester seine Papiere nach Sankt Petersburg geschickt und ihn für sein Studium angemeldet. Obwohl er Russisch schon in der Schule gelernt habe, sei Russland eine ganz neue Erfahrung für ihn gewesen. Er habe den Wechsel zwischen zwei sehr unterschiedlichen Gesellschaften erlebt, erzählt Timur Hodschanyasov: Turkmenistan ist ein muslimisches und sehr geschlossenes Land. Er zeigte mir seinen Pass und sein Visum, seine Papiere hat er immer bei sich. Vorsichtig stelle ich noch ein paar Fragen, doch weiter möchte er nicht erzählen. Ich vermute den Grund: Turkmenistan ist einer der repressivste Staaten der Welt, noch vor Eritrea und Nordkorea („Reportern ohne Grenzen“).

Waldökonomie
Seit drei Jahren studiert Timur Hodschanyasov nun schon Forstwirtschaft in Sankt Petersburg. Seine Spezialität ist die „Waldökonomie“. Er macht ein kurzes Beispiel: „Nehmen wir an, du hast ein Stück Wald und du möchtest wissen, wie du den meisten Profit aus dem Holz machen kannst. Ruf mich an und ich komme vorbei.

Ich sage dir, wie du das Holz am effizientesten schneidest, verpackst und verkaufst. Wie viele Eisenbahnwagone du für den Transport brauchst und wie man sogar noch das Restholz zu Geld machen kann. Das ist mein Studium.“ Hinzu kämen noch weitere Grundlagen der Mikroökonomie. Das Gute daran sei, dass ihm dieses Studium sehr viel offenhalte, so dass er, wenn er möchte, auch noch Buchhalter werden könnte.

Alltag ohne Pause
Doch er gibt zu, dass das alles nicht ganz spurlos an ihm vorbeigegangen ist. Anfangs, erzählt er, habe er durch den Stress viel Gewicht verloren und hätte auch seinem Hobby, dem Boxsport, nicht mehr nachgehen können. Er entschied sich daraufhin sein Bachelor Studium auf vier, anstatt auf drei Jahre, zu verteilen.

Und schliesslich brauche er ja auch noch Zeit für seinen Job als Aufseher im Café. Weiter nachzufragen wage ich aber nicht, auch wenn ich gerne genauer wüsste, wie er das eigentlich gemacht hat, mit einem Studentenvisum, das eine offizielle Beschäftigung eigentlich nicht erlaubt… Auch wenn Timur Hodschanyasov nach Hause kommt, hört er nicht auf, aktiv zu sein: Er liest Bücher und wenn er nicht mehr lesen kann, dann hört er Musik. Von Pop bis Klassik, besonders gefällt ihm Ludovico Einaudi.

Eine Zukunft – nur im Ausland
Sogar Englisch hat er nun angefangen zu lernen. Ich frage ihn, ob es ihm nicht manchmal zu viel sei. „Man muss immer nach vorne schauen“, meint er, „ich möchte nach meinem Studium weiter, nach Europa oder Amerika. Eine Zukunft gibt es nur dort.“ Während unserem Gespräch blickte er immer wieder auf sein Handy, über das er mit seinen Freunden aus seiner Stadt kommuniziert. Doch er ist froh hier nach Russland gekommen zu sein, auch wenn er dafür viel aufgegeben hat.

„Hier hat man mehr Chancen.“ Ich bewundere ihn für seine Entschlossenheit, dafür, dass er auf so viel verzichtet und so viel arbeitet. Doch gleichzeitig denke ich, dass dieser Alltag einem nicht viel erlaubt. Da frage ich ihn zum Schluss ob er sich hier nicht manchmal alleine oder einsam fühle? „Natürlich“, sagt er. Und dann verabschieden wir uns bereits und er taucht in die Menge ein, die sich in die Metro schiebt.

Bild: Emily Orlet

Weitere Petersbürger-Porträts >>>

Der Russentest: Welcher Präsident kam nach Puschkin?

 

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Das Taurische Orchester zwischen Klassik und Rock, zwischen Vergangenheit und Gegenwart

mehr…