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Tangomania: Tanzboom im russischen Buenos Aires

Von   /  31. Januar 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Zwar lebte der Tango in Russland erst vor wenigen Jahren wieder auf, doch tanzt man den Argentiniern mittlerweile nur noch knapp hinterher – ein Beweis dafür ist der Klub „Tangomania“. Leidenschaftlicher Gesang des Tango-Königs Carlos Cardel tönt aus der Stereoanlage im Kellerstudio Tangomania, wo sechs Paare die Tangoschrittfolge vor dem Wandspiegel üben. Aber noch sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, einander nicht mit den eigenen Füsse in die Quere zu kommen, als dass sie tanzend der eloquenten Melodie folgen könnten.


Schwierig, schwierig!

Immer wieder setzen sie von neuem an, oder pausieren für einen Moment und schauen den anderen Pärchen zu – schwierig, schwierig! Flink wechseln die Lehrer Julia Sujewa und Alexei Barbolin zwischen Kursteilnehmern, bringen sie in die richtige Lage, demonstrieren die korrekten Abstände und Winkel der Beine. Schliesslich dreht Julia die Musik aus, versammelt die Gruppe um sich und verteilt acht Zettel auf dem Boden, um einmal mehr die Abfolge der Tanzbewegung im Detail vorzuführen.

Mit etwas ungläubigen, aber konzentrierten Blicken verfolgen die Frauen und Männer verschiedenen Alters die Beine der Lehrerin, welche die Rechtecksform ohne die kleinste Abweichung nachzeichnen – dann sind sie selber dran. „Bitte fangt nicht nicht an, während des Tanzens an diese acht Zettel zu denken, die Bewegung muss frei sein“, warnt Julia, nachdem zwei Paare unsicher die Staffette abgeschritten haben.

„Es geht mir nur darum, Euch kurz die Struktur in Erinnerung zu rufen.“ Dann führt sie zusammen mit ihrem Partner die Grundschritte vor. „Und vergesst nicht: Es geht nicht so sehr darum, wer führt, sondern, dass beide wissen, wie es weitergeht!“ Dann wird die Musik wieder eingeblendet, die Paare fügen sich wieder zusammen.

Zehn Jahre Aufbau

Es ist einer von acht Kursen, welche die Tangoschule Tangomania in vier Leistungsstufen führt. „Es dauert relativ lange, bis jemand die Grundlagen des Tangos beherrscht“, erklärt Alexei. „Im besten Fall zeigen sich nach zwei Monaten die ersten Ergebnisse.“ Die Schule, die ihr Domizil in einer Parallelstrasse zum Newski-Prospekt hat, bildet momentan 150 bis 180 Tänzerinnen und Tänzer aus.

„Es gibt zwar saisonale Schwankungen, aber mittlerweile spüren wir diese fast nicht mehr, weil wir genügend Stammkunden haben“, erzählt Alexei. Sieben Jahre lange hat er zusammen mit Julia die Schule aufgebaut, und heute sind sie je zur Hälfte Besitzer des Klubs und unterrichten zusammen mit drei weiteren Lehrpaaren die Tangoschüler. „Man kann sagen, wir haben erreicht, wovon wir geträumt haben – die Schule entwickelt sich gut“, meint er stolz. Neben dem standartisierten Tango bietet Tangomania ergänzende Kurse in Yoga, Choreografie und anderen lateinischen Tänzen an, wo Tangoschüler ihr Gespür für Rhythmus und Körpergefühl verbessern können.

In Moskau vom Tangofieber angesteckt

Zum Tango kamen die beiden im Jahr 2000 in Moskau, das wie andere europäische Städte von einer neuen Tango-Begeisterungswelle erfasst worden war. Ihr erster Tangolehrer war ein Russe, der in Berlin vom Tangofieber angesteckt worden war und in Russland unterrichtete. Heute haben Julia und Alexei bereits dreimal die argentinische Heimat des Tanzes gesehen, laden regelmässig argentinische Lehrer zu Meisterkursen ein und werden von der Tango-Akademie in Buenos Aires als russische Filiale anerkannt.

Wie gut tanzen denn die Russen Tango? Alexei lacht: „Die Argentinier und die Italiener sind sicher die besten Tänzer, weil sie durch die Auswanderung nach Argentinien sehr verwandt sind. Danach kommen die Deutschen, Japaner und Amerikaner, und wir tanzen auch nicht schlechter als sie.“ Immerhin haben es Julia bei der Tangomeisterschaft in Buenos Aires bereits in den Final geschafft, doch eigentlich sind ihnen Tanzwettbewerbe nicht so wichtig. „Die Meisterschaft in Buenos Aires ist einfach etwas Besonderes, das Publikum ist riesig und fiebert begeistert mit – es ist ihre Musik und ihre Kultur“, fügt Julia an.

Tango – die ideale Alternative zur Disco

Genau diese Kultur fasziniert auch jene Russinnen und Russen, die den Tangomania-Klub und die vielen Anlässe besuchen, welche die Schule fast monatlich in Petersburg organisiert. „Den Leuten gefällt, dass der Tango kein Massentanz ist und dass eine ganze Kultur, ein Lebensstil dahinter steckt“, erklärt Alexei. „Der Tango ist im Prinzip die ideale Alternative zur Disco.“

Wie gut der Tango zu den Russen passt, diese Frage beschäftigt ihn schon lange: „Ich glaube, der Tango ist von keiner Nationalität abhängig, da er in einem multikulturellen Klima in den Armenvierteln von Buenos Aires entstanden ist. Da er aber kein Volkstanz ist, wie zum Beispiel zum Beispiel der Salsa, und in einer Grossstadt geboren wurde, braucht er urbane Verhältnisse.“ Neben Petersburg sind heute Moskau und Jekaterinburg die russischen Tangozentren.

Tango ist in Finnland eine Art Staatsreligion

Ein ganz starker Tango-Pol liegt nur einige Autostunden von Petersburg entfernt in Finnland, wo der Tango so etwas wie eine Staatsreligion ist. Die Finnen lieben die sentimentale Musik in Moll und organisieren jedes Jahr in der Stadt Seinäjoki ein Tangofestival. „Wir haben nicht viel mit den Finnen zu tun, sondern halten uns lieber an Buenos Aires“, meint Alexei schmunzelnd.

Dadurch, dass der Tango in Finnland sich als Volkstanz mit starker Tradition erhalten habe, hätten die Finnen einen ganz eigenen Stil entwickelt, der viel langsamer und in den Bewegungen anders ausgerichtet sei, erklärt er. Doch obschon sie sich eigentlich nie um Kontakt mit finnischen Tänzern bemüht hätten, seien sie immer wieder zufällig welchen begegnet.

In den Armenviertel von Buenos Aires geboren

Die ursprüngliche Form des Tangos entsteht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Armenvierteln von Buenos Aires. Neben den Einwanderern aus Europa leben dort tausende von arbeitslosen Landarbeitern in bitterer Armut. Neben den Tänzen Walzer, Polka, Mazurka und der Habanera aus Kuba tanzt man dort auch die einheimische Milonga, aus deren verlangsamten Form der Tango entsteht.

Musik und Gesang des Tangos haben soziale Not und Liebeskummer zum Thema. Kurz vor dem ersten Weltkrieg avanciert der Tango zum Modetanz in Paris und Europa und wird dadurch der Legende nach auch von der argentinischen Oberschicht akzeptiert. Damals entwickelt sich der Tango als Standardtanz.

Eine zweite Tango-Welle kommt in den Siebziger- und Achtzigerjahren nach Europa als wegen der argentinischen Militärdiktatur viele Tango-Künstler emigrieren. Nach dem Verschwinden der Tangokultur in den Sechzigerjahren erleben Tanz und Musik eine Rennaissance. Aus dem Ur-Tango haben sich viele Abarten entwickelt, darunter der Tango Nuevo oder der Electrotango.

Klub „Tangomania“, ul. Schukowskogo 63, Tel.: 346-80-05, www.tangomania.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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