Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Symbolfigur der Demokratie mit umstrittenem Erbe – Petersburg erinnert sich an Anatoli Sobtschak

Von   /  20. Februar 2010  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Zehn Jahre nach seinem Tod blicken die Petersburger zurück auf die Regierungszeit des ersten Bürgermeisters Anatoli Sobtschak (1937-2000). Noch heute wird Sobtschak als Symbolfigur für die russische Demokratie verehrt, obschon die Stadt während seiner Ära die schwierigsten Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion durchmachte.


Ein Hauptgrund für die nachhaltige Popularität Anatoli Sobtschaks ist die Tatsache, dass er erst spät in die Politik kam. Im Gegensatz zur Mehrheit aller russischer Politiker fehlte dem Professor der Rechtswissenschaft an der Petersburger Uni die typische Partei-Vergangenheit als er 1991 Bürgermeister wurde. Er galt darum als frei von Beziehungen zur Nomenklatur und zum Geheimdienst und damit als glaubwürdiger und aufrichtiger Demokrat.

Geist des Aufbruchs

Mit der Ära Sobtschak verbinden viele einen Geist des Aufbruchs, und tatsächlich unternahm der Gouverneur in seiner Amtszeit wichtige Schritte in die Zukunft. Die Rückbenennung der Stadt Leningrad in St. Petersburg gilt als eine seiner wichtigsten Errungenschaften. Er setzte sich für eine Reform von Wirtschaft und Gesellschaft ein und stand für einen demokratischen Staat ein. Während des Putschversuchs gegen Präsident Gorbatschew 1991 organisierte er in Petersburg den politischen Widerstand gegen die Putschisten.

Bekenntnis zum Kapitalismus

Sobtschak bekannte sich ebenfalls zum Kapitalismus – ein Punkt, der ihm am meisten Kritik einbrachte, denn die Wirtschaftsreformen führten zum Zusammenbruch der Versorgung und bedeuteten für die Bevölkerung Hunger und Erniedrigung. Sobtschaks Rolle in den Krisenjahren ist noch heute umstritten. Während die einen behaupten, er sei im Frack an Botschaftsempfänge gegangen, während die Bevölkerung gehungert habe, wenden die anderen ein, er habe damals unter höchstem persönlichem Einsatz humanitäre Hilfe im Ausland organisiert.

Glanzvoller Aufstieg, tragisches Ende

So glanzvoll sein Aufstieg war, so tragisch war sein Ende – 1996 wurde Sobtschak von seinem früheren Stellvertreter Wladimir Jakowlew bei den Wahlen überrundet, was von vielen als Verrat empfunden wurde. Gegen Sobtschak wurden Korruptionsvorwürfe erhoben, die zwar niemals bewiesen werden konnten, die Sobtschak aber schwer mitnahmen und vermutlich Auslöser für seinen ersten Herzinfarkt waren. Ein Infarkt beendete 2000 sein Leben – noch heute halten sich die Gerüchte darüber, dass ihn seine politischen Gegner beseitigt hätten.

Sobtschaks Name steht auch für politische Kultur – als Jurist gab er vielen ein Beispiel als fairer und volksnaher Politiker. Die Peterburger Gouverneurin Valentina Matwijenko, die Sobtschak 1989 als Bezirksvertreterin kennenlernte, bezeichnete Sobtschak an der Gedenkveranstaltung auf dem Nikolskoe-Friedhof als charismatischen Redner und echten Vertreter der Petersburger Intelligenz.

Ziehschüler Sobtschaks: Putin und Medwedew

Paradoxerweise gehören zu Sobtschaks Ziehschülern zwei Figuren, denen ausgerechnet ein Mangel an Demokratieverständnis und Fairness vorgeworfen wird: Wladimir Putin und Dmitri Medwedew, die Vertreter der „Machtvertikale“. Beide absolvierten die juristische Fakultät der Petersburger Staatsuni und wurden später von Sobtschak in den Stab aufgenommen – Putin war sogar sein Stellvertreter. In Fernseh-Interviews, die Sobtschaks Tochter Xenia und seine Witwe Ludmila Narusowa mit Medwedew beschreiben sie ihren früheren Chef als wichtiges Vorbild. Medwedew schildert ihn als Romantiker, Idealisten und Freidenker, der sich dennoch als sehr praktischer Politiker erwiesen habe. Sobtschak, so Medwedew, sei wohl der freieste Mensch, dem er in seinem Leben begegnet sei.

Putin und Medwedew zu Gedenkfeiern in Petersburg

Putin schätzt an Sobtschak, dass dieser ihn angestellt habe, obschon er von Putins KGB-Vergangenheit wusste. Ausserdem bewundert er Sobtschaks Feingefühl im Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit – so habe dieser sich beispielsweise geweigert, das Lenin-Denkmal vor dem Smolny abzureissen zu lassen, mit der Begründung, dies sei ein Stück russischer Geschichte. Putin und Medwedew reisen beide zu den Gedenkveranstaltungen, die an diesem Wochenende in Petersburg abgehalten werden.

Xenia Sobtschaks Karriere als russischer TV-Sternchen und Leiterin von publikumsträchtigen Shows wie zum Beispiel „Dom 2“ (russische Version von „Big Brother“), ist vielen Anhängern Sobtschaks übel aufgestossen. Sie werfen ihr vor, mit ihren vulgären Auftritten und ihrem ausschweifenden Lebensstil den Namen ihres Vaters in den Schmutz zu ziehen.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

    Drucken       Email
  • Veröffentlicht: 8 Jahren vor auf 20. Februar 2010
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Februar 20, 2010 @ 5:57 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Russischer Opernsänger Dmitri Chworostowski gestorben

mehr…