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Swetlana Geier – ein persönlicher Nachruf

Von   /  9. November 2010  /  Keine Kommentare

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Von Markus Müller

Swetlana Geiers Persönlichkeit ist mir ins Gedächtnis eingebrannt, obwohl ich nur wenige Wochen bei Ihr studierte. 1985 hatte ich die Idee, ein fast leeres Semester durch das Erlernen der Russsischen Sprache zu würzen und unternahm den Versuch, mir in Ihrem Grundkurs die russische Sprache anzueignen. Das war meine erste und sehr eindrückliche Bekanntschaft mit der „russischen Schule“.

Ich hatte badische Gemütlichkeit erwartet und traf  bei Geier auf eine Energie und Leidenschaft fürs Thema, die keine Ausnahme und keine Faulpelze vertrug. Wer nicht seine ganze Kraft verwandte konnte da nicht mithalten – und ein Maschinenbauer und Unternehmer auf „Heimatsemester“ hielt da schon nach kurzer Zeit nicht mehr mit.

Fasziniert lauschte ich ihre Anekdoten und Geschichten, erhaschte ihre Idee der russischen Sprache und spürte die Liebe und das Heimweh, mit der sie über Ihre damals nicht so erreichbare Heimat sprach. Mir, dem Techniker, erschloss sie die Geheimnisse der Literatur. Als ich Jahre später Ihren Namen auf „Verbrechen und Strafe“ (statt dem bis dahin üblichen „Schuld und Sühne“) fand, wundert ich mich nicht. Soviel Energie und Leidenschaft hatten Ihren Widerpart gefunden.

Swetlana Geier verstarb am 7. November in Freiburg

Das berühmte Puschkin-Gedicht, welches wir in der zweiten Russischstunde auswendig lernten:

Уж небо осенью дышало,
Уж реже солнышко блистало,
Короче становился день,
Лесов таинственная сень
С печальным шумом обнажалась.
Ложился на поля туман,
Гусей крикливых караван
Тянулся к югу: приближалась
Довольно скучная пора;
Стоял ноябрь уж у двора.

(А. С. Пушкин)

Im Andenken an eine grossartige Lehrerin

Biografie und Werk (Wikipedia)

Swetlana Geier wurde 1923 als Tochter russischer Eltern in Kiew geboren. Ihr Vater war Naturwissenschaftler, ein Spezialist für Pflanzenzucht, ihre Mutter stammte aus einer Familie zaristischer Offiziere. Ihr Vater wurde 1938 im Zuge von Stalins Großem Terror verhaftet und starb 1939 an den Folgen der Haft.

Swetlana Iwanowa hatte eine behütete Kindheit und erhielt schon früh Privatunterricht in Französisch und Deutsch. 1941, im Jahr des Überfalls der Deutschen auf die Sowjetunion, machte sie ihr Abitur mit Bestnoten und immatrikulierte sich an der Fakultät für westeuropäische Sprachen der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Dort wurde sie auch als Übersetzerin am Geologischen Institut tätig.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Kiew nahm sie eine Stelle als Dolmetscherin auf der dortigen Baustelle der Dortmunder Brückenbau AG an. Ihr war ein Stipendium in Deutschland versprochen worden, wenn sie zuvor ein Jahr für die Deutschen arbeiten würde. 1943, nach der Niederlage der deutschen Truppen in der Schlacht von Stalingrad, musste das Unternehmen seine Tätigkeit in Kiew einstellen. Swetlana Iwanowa war sich bewusst, dass sie wegen ihrer Arbeit für die Deutschen für ihre Landsleute eine Kollaborateurin war und dass sie in der Sowjetunion niemals würde studieren können. Auch ihre Mutter wollte nicht länger mit den „Mördern des Vaters“ zusammenleben. So schlossen sie sich gemeinsam der nach Deutschland zurückkehrenden Brückenbaufirma an. Sie wurden festgenommen und kamen in ein Lager für Ostarbeiter in Dortmund, dem sie mit Hilfe von Freunden nach einem halben Jahr entkommen konnten.

Nach einer Begabtenprüfung erhielt Swetlana Iwanowa ein Humboldt-Stipendium, wodurch ihr Traum von einem Studium verwirklicht wurde. Sie zog mit der Mutter nach Günterstal, einem Stadtteil von Freiburg, und nahm 1944 an der Universität Freiburg ein Studium der Literaturwissenschaft und vergleichenden Sprachwissenschaft auf. Durch Heirat änderte sie ihren Familiennamen in Geier. Sie war Mutter zweier Kinder und lebte bis zu ihrem Tod in Günterstal.

Swetlana Geier wurde 1960 Lektorin für russische Sprache an der Universität Karlsruhe. Seit 1964 hatte sie dort einen achtstündigen Lehrauftrag; bis zu ihrem Tod fuhr sie einmal wöchentlich mit dem Zug von Freiburg nach Karlsruhe. Darüber hinaus war sie von 1964 bis 1988 Lektorin für Russisch am Slawischen Seminar der Universität Freiburg. Von 1979 bis 1983 nahm sie einen Lehrauftrag für Russische Sprache und Literatur an der Universität Witten/Herdecke wahr.

Auch im Bereich der Schule hat sie sich um den Unterricht der russischen Sprache Verdienste erworben: In Freiburg baute sie Russischunterricht als Pflichtwahlfach an einem Gymnasium auf, an den Waldorfschulen in Deutschland betreute sie 25 Jahre lang den Russischunterricht. Ihre Übersetzertätigkeit begann sie 1953 im Rahmen der damals neuen Reihe Rowohlt Klassiker.

Swetlana Geier gehörte zu den bedeutendsten Übersetzern russischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Sie übersetzte unter anderen Werke von Tolstoi, Bulgakow und Solschenizyn. Einer größeren Öffentlichkeit wurde sie durch die Neuübersetzung der großen Romane Fjodor Dostojewskis bekannt. Sie scheute sich nicht, altbekannte Titel neu zu formulieren. Dabei hat sie nach ihrer Aussage die Titel lediglich aus dem Russischen übersetzt. Aus Schuld und Sühne (Преступление и наказание) wurde Verbrechen und Strafe, aus Die Dämonen (Бесы) wurde Böse Geister, aus Der Jüngling (Подросток) wurde Ein grüner Junge. Zuletzt erschienen Dostojewskis Der Bauer Marej (2008) und Der Spieler (2009).

Durch ihre Arbeit an der Universität war Swetlana Geier finanziell nie auf ihre Tätigkeit als Übersetzerin angewiesen. Dadurch war es ihr möglich, sich für eine Übersetzung viel Zeit zu nehmen und sich ganz in den Text zu vertiefen. So investierte sie in die Übersetzung von Dostojewskis Romanen fünfzehn Jahre. Ungewöhnlich an ihrer Arbeitsweise war, dass sie ihre Übersetzungen diktierte.

Bild: Aus dem Film „Die Frau mit den fünf Elefanten – Swetlana Geier, Dostojewskis Stimme“ von Vadim Jendreyko.

www.5elefanten.ch

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