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Strugatzki zum zweiten – Science Fiction-Klassiker neu herausgegeben

Von   /  14. November 2010  /  Keine Kommentare

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Von Roland Bathon

Im Rahmen einer Werkauswahl der Science-Fiction-Legenden Arkadi und Boris Strugatzki ist im Heyne-Verlag nun der zweite Band erschienen. Er vereint die drei Romane „Picknick am Wegesrand“, „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ und „Das Experiment“.


Während also der erste Band drei Werke des Zukunftszyklus der Autoren präsentierte, sind nun im zweiten Erzählungen außerhalb dieser Reihe zusammengefasst. Zum Klassiker „Picknick am Wegesrand“ rund um Schatzgräber in der Zone einer außerirdischen Landung gibt es wenig zu sagen. Hauptsächlich deswegen, weil wir dieses Werk in seiner deutschen Einzelausgabe bereits umfangreich besprochen haben und das Ergebnis nachgelesen werden kann. Im neu erschienenen Band findet sich diese packende Geschichte in einer restaurierten Fassung, in der Eingriffe der damals sowjetischen Zensur weitestgehend beseitigt wurden. Selbst bei Fantastischem war der Rotstift der damaligen Zensoren unfassbar streng.

„Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ ist eine kürzere Erzählung. Hier geschehen einer Reihe von Forschern verschiedenster Disziplinen, die unabhängig voneinander vor entscheidenden Durchbrüchen stehen, die merkwürdigsten Dinge. Das Spektrum reicht von mysteriösen Kriminalfällen in der Nachbarschaft bis zu Hinweisen auf eine Weltverschwörung. Gemeinsam haben all diese Ereignisse nur, dass sie auf den Glauben und die Vorgeschichte des Betroffenen perfekt abgestimmt sind und ihn vom Fortgang seiner Studien abhalten. Schon bald merken die Wissenschaftler, dass zwischen all diesen Hindernissen ein Zusammenhang besteht, der jedoch nichts mit den vermeintlichen Hintergründen zu tun hat. Wer hier also eine weltweite Geheimorganisation oder außerirdsche Invasoren erwartet, ist auf dem Holzweg (und kennt die Strugatzkis schlecht). Wir oft bei dem Autorenduo wird hier ein Rätsel gesponnen, das den Leser von Seite zu Seite jagt, immer auf der Suche nach der Auflösung. Doch mit jedem gefundenen Puzzleteil stellen sich neue Fragen.

Den größten Raum im etwa 900seitigen Band nimmt „Das Experiment“ ein. Etwa 500 Seiten lang ist dieser Roman, der bereits in den 1960er und 70er Jahren entstand, jedoch aufgrund seines Widerspruchs zu den Doktrin der UdSSR von den Strugatzkis erst zur Perestroika veröffentlicht wurde. Der Held der Geschichte Andrej, überzeugter Kommunist der 50er Jahre, wird von einem geheimnisvollen „Mentor“ zur Teilnahme an einem riesigen Experiment angeworben. Dieses findet auf einer offenbar künstlich geschaffenen Welt statt, in der Menschen aus verschiedenen Epochen und Ländern in einer Großmetropole zusammen leben. Hier trifft Andrej den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Geiger, der sich in einer Krisenzeit an die Macht putscht und Andrej einen wichtigen Posten in seiner Regierung verschafft. Gerade als Andrej dem Zauber und der Trägheit der Macht erliegt, bekommt er den Auftrag zur Erforschung der Randbereiche der merkwürdigen Welt des Experiments, die von einer künstlichen Sonne beleuchtet und von einem Abgrund und einer Steilwand an zwei Seiten begrenzt wird. Die Expedition wird zu einer abenteuerlichen Reise in ein schier unbegreifliches Universum.

Eine Eigenheit der Strugatzkischen Science Fiction wird in allen drei Romanen deutlich. Sie lebt von glaubwürdigen Charakteren, unfassbaren Geheimnissen und benötigt, anders als so viele andere Werke dieses Genres, keine Superhelden, Monster oder Wundertechniken. Dennoch ist das Werk ungeheuer vielfältig. Während „Picknick am Wegesrand“ auch für Liebhaber leichter Kost gute und spannende Unterhaltung bietet (ohne solche zu sein), ist „Das Experiment“ in seiner Sprache und vielen Geschehnissen sehr bildhaft und mehr zugeschnitten auf Leser anspruchsvollerer Literatur.

Interessant ist wie im ersten Band der Sammlung das Zusatzmaterial im Anhang. Auf etwa fünfzig Seiten finden sich hier Hintergründe zu den Geschichten vom überlebenden Autor selbst (Arkadi Strugatzki ist 1991 verstorben), Anmerkungen zu versteckten Anspielungen, russischen Hintergründen und Zitaten, sowie eine Werksammlung der Brüder. Vor allem frisch nach dem Lesegenuss klärt sich hier so manches auf.

„Strugatzki 2“, wie der Band schmucklos heißt, ist auf jeden Fall eine Anschaffung wert für Liebhaber anspruchsvoller Science Fiction oder russischer Literatur. Wer lieber nur unterhalten und gefesselt werden will, dem sei eher die wesentlich dünnere Einzelausgabe von „Picknick am Wegesrand“ empfohlen, denn „Das Experiment“, das über die Hälfte des Bandes einnimmt, ist nicht nur wegen des Umfangs ein anspruchsvoller, dicker Brocken Lesestoff.

Bild: Wikimedia Commons

Daten zum Buch: Arkadi und Boris Strugatzki: Strugatzki 2 (Werkausgabe – Zweiter Band), Heyne Verlag München 2010; ISBN 978-3-453526310 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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