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Strenge Engel – der Malteser Hilfsdienst verarztet Körper und Seele von Obdachlosen

Von   /  10. Oktober 2012  /  Keine Kommentare

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Von Alexandra Poblinkowa

Typisch Sankt-Petersburg: Wolkig und schon am Morgen schwül. Mittwoch früh herrscht Unruhe unter den Obdachlosen in der Borowajastrasse 112. Das Frühstück ist längst aufgegessen, jetzt sind Waschen und Impfen an der Reihe. Die Männer mit von der Dusche noch tropfenden Haaren stehen in einer Schlange vor einem Metallcontainer mit dem Logo des Malteser-Hilfsdienst.


Drinnen werkelt Nadjeschda Zratschkina, eine Mittvierzigerin. Sie werkelt nicht einfach, manchmal scheint es, als könne sie zaubern.  Der Lebenslauf von Zrjatschkina scheint einem Roman von Dostojewskij entsprungen. Sie hat in vielen Berufen gearbeitet, ist aber nirgendwo länger als ein Jahr geblieben.

Bei den Maltesern in St. Petersburg hat sie ihre Berufung gefunden. Schon seit neun Jahren hilft sie den Obdachlosen. Die verehren ihre Nadjeschda – übersetzt heißt der Name „Hoffnung” – wie eine Göttin. Sie erzählen, Nadjeschda heile auf märchenhafte Weise alle Krankheiten. Sie kann alles: impfen, Wunden nähen, blaue Flecken behandeln.  „Name? Alter?” Ein Mädchen ist mit ihrem Freund zu Nadjeschda Zrjatschkina in den Container gekommen. Zrjatschkina verschwendet nie Zeit mit langen Reden.

Unzählige Schicksale

Die 25-Jährige legt ihr Handy auf einen Stuhl, zieht ihr T-Shirt aus und lässt sich gegen Diphterie impfen. Zrjatschkina fragt nebenbei gebieterisch: „Kinder?” Die Antwort fällt lässig aus: „Zwei, sie leben in Kinderheimen in einer anderen Stadt.” – „Dein Freund müsste dich wohl heiraten, wenn du deine Kinder bei dir hättest, was?”  Auf diese Weise verarztet Zrjatschkina einen nach dem anderen – immer Körper und Seele.

Fast täglich sitzt sie in ihrem Metallcontainer und lernt unzählige Schicksale kennen. Manche Männer in der Warteschlange vor dem Container bibbern wie kleine Kinder vor einem Arztbesuch – sie haben Angst vor der Spritze. Nadjeschda Zrjatschkina ficht das nicht an. Sie sticht schnell zu wie eine Wespe. Und hat immer noch einen strengen Rat auf Lager.

Malteser Hilfsdienst seit 20 Jahren in Petersburg

Das Engagement des Malteser Hilfsdienst in St. Petersburg begann im Jahr 1992. Zunächst sorgte der Hilfsdienst für warme Nahrung. In diesem Jahr also feiert die älteste Armenküche St. Petersburgs ihren 20. Geburtstag. Sechs Mitarbeiter kochen täglich ein Hauptgericht. Dazu gibt es Brot, Tee und Nachtisch. Knapp 400 Personen kommen jeden Tag zum  kostenlosen Essen. Die Küche gibt jedes Jahr 105.000 Euro aus, sie wird mit Spenden aus Deutschland finanziert.

Außer Lebensmitteln werden auch Kleider, Schuhe, Brillen und Medikamente von Deutschland nach St. Petersburg geschickt. Jetzt im Sommer hat die Kantine zwei Monate Ferien. Die Obdachlosen bekommen in dieser Zeit ihr Essen von den Malteser-Mitarbeitern im „Notschleschka”.  Das „Notschleschka” ist ein Heim für Obdachlose gleich hinter dem Container von Nadjeschda Zrjatschkina. 40 Männer und Frauen finden hier ein vorübergehendes Zuhause. An der Eingangstür steht: „Betrunkene haben keinen Zutritt.” Mit schnellen Schritten hastet Nadjeschda Zrjatschkina durch die Flure. „Fast jeder hier hat seine Wohnung wegen der Sauferei verloren”, sagt sie.

Hilfe auf der Suche nach dem Heimweg

Sie betritt das Büro von Michail Kalschnikow. Er koordiniert für die Malteser alle Tätigkeiten in St. Petersburg. Eine gewaltige Aufgabe, Kalschnikow arbeitet täglich von halb neun morgens bis abends um neun. Eines seiner größten Projekte ist das Programm „Heimweg”. Es hilft gestrandeten Obdachlosen, in ihre Heimatstädte zurückzukehren.

Vor Kalschnikows Schreibtisch flegelt sich ein Weißrusse auf dem Stuhl – offensichtlich betrunken. Am Morgen ist er in eine Prügelei geraten, Schrammen durchziehen sein Gesicht. Nun möchte er gern nach Hause, zu seiner Ehefrau und seinem Kind, sagt er. „Lass ihn”, sagt Zrjatschkina. „Den habe ich hier schon oft gesehen, aber noch nie nüchtern. Er schafft es nie bis nach Minsk.” Michail Kalschnikow bleibt hart. „Hier wird er noch zu Tode geprügelt. Wir müssen ihn irgendwie nach Hause bringen.” Sie diskutieren noch eine Weile – ohne Ergebnis.

Hauptquartier in einer Wohnung

Die St. Petersburger Stadtverwaltung hat den Maltesern eine Wohnung zur Verfügung gestellt. In einem Zimmer stapeln sich die Spenden aus Deutschland, körbeweise Kleidung und Brillen. Im zweiten Zimmer übernachten freiwillige Helfer aus Deutschland. Im dritten Zimmer, der Küche, sitzt die Direktorin Irina Tymkowa, vor sich eine Tasse Tee und einen Teller Kekse.

Die Küche sieht aus wie in einer typischen Petersburger Kommunalka: abgeblätterte Tapeten, Flecken an der Decke, an den Wänden Comiczeichnungen und Sinnsprüche. Wenn Michail Kalschnikow der Praktiker in der Chefetage der Malteser ist, dann ist Irina Tymkowa die Theoretikern. Sie schreibt die Berichte, für jeden Monat, jedes halbe Jahr, jedes Jahr. Jeder deutsche Wohltäter soll wissen, wo seine Spende gelandet ist. Nicht nur von deutschen Kirchgemeinden kommt das Geld für die Obdachlosen von St. Petersburg. In den Unterlagen von Irina Tymkowa finden sich unter anderem ein Pilot der Lufthansa und eine Rentnerin.

Kaum freiwillige Helfer

Irina Tymkowa ist eine lebenslustige Frau. Eine, die genüsslich in einen Keks beißt und dabei lachend von ihrer Diät erzählt.  Elf Mitarbeiter hat der Malteser-Hilfsdienst in St. Petersburg. Sie schaffen die Arbeit von doppelt so vielen Menschen. Freiwillige Helfer gibt es kaum. Manchmal, erzählt Michail Kalschnikow, kommen junge Studenten vorbei. „Die haben dann dieses Licht in den Augen.” Nach spätestens einem Monat sind sie wieder verschwunden. Manchmal wissen die Malteser gar nicht, wem sie da helfen.

Nur wenige Obdachlose haben überhaupt Papiere, manche verschweigen ihren wahren Namen und ihre Herkunft. Für Nadjeschda Zrjatschkina, Michail Kalschnikow und Irina Tymkowa spielt das keine Rolle. Wer immer Hilfe braucht, bekommt sie – so lautet das Motto. Irina Tymkowa nimmt einen letzten Schluck aus ihrer Teetasse, dann sagt sie: „Wenn wir am Ende nur einem Menschen geholfen haben, dann war unsere Arbeit nicht umsonst.”

Ludmilla blieb allein am Straßenrand zurück

Nadjeschda Zrjatschkina hat sich wieder in ihrem Container aufgebaut. Ein Mädchen kommt mit wackligen Schritten über die Türschwelle. Ihre dünnen Beine stecken in Highheels, sie trägt eine enge Jeans. Das Gesicht ist verschwollen, die Lippen großzügig gefärbt. Zrjatschkina kennt die Geschichte des Mädchens Ljudmilla gut. Ihr Freund überredete sie vor ein paar Jahren die gemeinsame Wohnung in der Heimatstadt zu verkaufen und nach St. Petersburg zu fahren. Bei einer Pinkelpause unterwegs, brauste er davon, mitsamt des Geldes und allen Klamotten, Ljudmilla blieb am Straßenrand zurück.

Jetzt wohnt sie im „Notschleschka”. „Sie wartet immer noch, dass ihr Freund kommt und sie abholt”, sagt Nadjeschda Zrjatschkina. „Dabei spielte sich das Ganze schon im Jahr 2004 ab.” Zrjatschkina dreht sich leise seufzend zu Ljudmilla um. Dann hört man wieder ihre strenge Stimme. „Na, was haben wir denn heute für ein Problem?”

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

Dossier:

Autorin: Alexandra Poblinkowa aus Irkutsk, Russland, Journalistin, Kolumnistin und Medienmanagerin.

Journalistisch tätig als: Chefredakteurin des russischen Teils der Irkutsker Deutschen Zeitung und Redakteurin der Web-Seite OGirk.ru.

Schreibt, weil sie die Lebensgeschichten von Menschen spannend findet und die Tätigkeit als Journalistin ihr die Möglichkeit bietet unglaublich viele Geschichten zu sammeln.

War beeindruckt, die Frau in Notschleschkaa zu treffen, deren Freund sie am Rande der Straße stehen ließ. Aber auch die Begegnung mit jedem anderen Protagonist dieser Reportage war für sie ein besonderes Erlebnis, sowohl die mit den schicksalsgebeutelten Obdachlosen, als auch die mit deren engagierten Unterstützern.

Die Publikation ist entstanden im Rahmen der ifa-Reportagewerkstatt „Deutsche Spuren in St. Petersburg“.  Das Projekt wurde finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amts.
www.ifa.de

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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