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Starowoitowa-Mord: Hintergründe nach 20 Jahren nicht aufgeklärt

Von   /  21. November 2018  /  Keine Kommentare

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eva.-  Vor zwei Jahrzehnten schockierte der brutale Killermord an der Stadtabgeordneten und Menschenrechtlerin Galja Starowoitowa die Welt. Der oder die Auftraggeber sind bis heute unbekannt. Wem stand Starowoitowa mehr im Weg – der Mafia oder korrupten Politikern. Oder war ihr Tod am Ende nützlich für beide Seiten?

Am Abend des 20. Novembers 1998 wurde Starowoitowa nach ihrer Rückkehr aus Moskau von zwei Killern vor ihrer Petersburger Wohnung niedergeschossen. Sie wurde getötet und ihr Begleiter Ruslan Linkow schwer verletzt. Von den 13 beteiligten Personen an dem brutalen Mord wurden nur vier zu hohen Haftstrafen verurteilt, fünf werden noch gesucht. Von Anfang an wurde viel über die Motive des Mordes spekuliert, doch blieben die Drahtzieher lange unbehelligt – wegen der Unfähigkeit der Behörden oder durch Befehl „von oben“ ist unbekannt.

Erst 2009 sorgte die Verhaftung des Ex-Politikers und Mafioso Michail Gluschenko für eine Sensation, der sich trotz seiner kriminellen Vergangenheit in Freiheit befand und mehr „zufällig“ festgenommen wurde als er sich in Petersburg einen neuen Pass machen liess. Seine Verhaftung sorgte dafür, dass der Fall Starowoitowa neu aufgerollt wurde und Gluschenko schliesslich 2015 als Organisator des Mords zu 13 Jahren verschärfter Haft plus vier Jahre für einen Erpressungsfall verurteilt wurde.

Mafioso schwärzt Mafioso an

Gluschenko gilt als skrupelloser und höchst gefährlicher Verbrecher und als einer der Verbrecherkönige Petersburgs, die in Neunzigerjahren bis lange in die Zweitausenderjahre Schrecken verbreitete. Gluschenko gestand seine Tat und willigte mit Aussicht auf Strafmilderung in einen Zusammenarbeit mit den Behörden ein. Dazu gehörte auch, dass er seinen Mafia-Kollegen, den Chef der Tambower Mafia Wladimir Barsukow-Kumarin ans Messer lieferte.

Der Prozess gegen den berüchtigten Mafioso aus dem südrussischen Tambow soll im kommenden Jahr beginnen. Die Beweise und Motive für seinen Mordauftrag sind jedoch bis heute sehr unklar. Barsukow-Kumarin kam 1996 von einem langwierigen Spitalaufenthalt im Ausland nach St. Petersburg zurück, nachdem ein Anschlag auf ihn verübt worden war, bei dem er seine rechte Hand verlor.

Gute Verbindungen zur Petersburger Stadtregierung – und zu Putin

Nun stieg er ins Business ein und wurde 1998 Vizepräsident des Rohstoff-Unternehmens „Peterburgskaja Topliwaja Kompania“ (PTK), die gute Verbindungen zu Wladimir Putin gehabt haben soll, der damals in der Petersburger Stadtadministration arbeitet. Putin sass auch im Beirat der deutsch-russischen SPAG (St. Peterburg Immobilien und Beteiligungs AG), die laut der französischen Zeitung „Le Monde“ von Barsukow-Kumarin kontrolliert und zur Geldwäsche missbraucht worden sein soll. Über einen direkten Interessenskonflikt des Mafiabosses mit der Abgeordneten Starowoitowa ist bisher nichts bekannt.

Aber andererseits ist es gut möglich, dass sich die aufrechte Politikerin, die sich sowohl im Petersburger Stadtparlament wie auch später als Duma-Abgeordnete in vielen Debatten und Gesetzesvorlagen für die Schwachen und Benachteiligten in Russland einsetzte, der Mafia missfiel. Daher ist eine „politische Spur“ fast ebenso möglich – um so mehr, dass der Organisator des Mordes Gluschenko zu jener Zeit Duma-Abgeordneter der Liberaldemokratischen Partei LDPR war, die heute zur handzahmen „System-Opposition“ in der Staatsduma gehört und der zahlreiche schillernde Figuren angehören.

Starowoitowa brüskierte das postsowjetische Establishment

In vieler Hinsicht sind politische Motive für den Starawoitowa-Mord viel einleuchtender, denn ihre Position und ihre Hartnäckigkeit in vielen wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen standen im frontalen Widerspruch mit dem Establishment. So setzte sie sich unter anderem für die „Soldatenmütter“ ein, die gegen den Krieg in Tschetschenien eintraten und unterstützte einen Gefangenenaustausch. Sie forderte eine Untersuchung als Millionengelder eines Weltbank-Kredits zur Renovierung der Petersburger Innenstadt „verschwanden“ und verlangte die Rehabilitierung von Opfern des Sowjetregimes.

Ein Gesetzesvorschlag von ihrer Seite, den sie mehrmals vergeblich einbrachte, sollte den Zugang früherer Sowjetfunktionäre zu politischen Führungspositionen begrenzen und traf mit Sicherheit den wundesten Punkt der postsowjetischen Gesellschaft. Denn diese Regelung hätte eine Offenlegung der sowjetischen Vergangenheit fast aller Machtträger verlangt und bedrohte die Karriere von Führungsfiguren in fast allen Behörden – in der Regierung, in der Armee, in Polizei und Geheimdienst. Daher ist es gut möglich, dass Politik und Verbrecherwelt bei diesem schrecklichen Mord zusammenspannten und auch in Zukunft alles zur Vertuschung seiner Hintergründe tun werden.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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  • Veröffentlicht: 4 Wochen vor auf 21. November 2018
  • Von:
  • Zuletzt geändert: November 21, 2018 @ 7:09 pm
  • Rubrik: Aktuell, Politik

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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