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Stalingrad und „Stalingrad“ – Bondartschuks Kassenschlager im Kino

Von   /  22. Oktober 2013  /  Keine Kommentare

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rian.- Der neue Film „Stalingrad“ des Regisseurs Fjodor Bondartschuk bricht den historischen Kassenrekord: Einnahmenmäßig ist der 30 Millionen Dollar teure Streifen das erfolgreichste einheimische Filmprojekt im postsowjetischen Russland. Bereits in den ersten vier Tagen hat er 17,5 Millionen Dollar eingespielt. Der Filmverleih war sich des Kassenerfolgs sicher – die Promotion-Kosten hatten über drei Millionen Dollar ausgemacht.

Filmtechnisch ist „Stalingrad“  auch ein Durchbruch: Der erste in IMAX- und 3D-Technologie gedrehte russische Streifen, was sicherlich den Boom mit gesichert hat. Kein Wunder also, dass Russland diesen Film ins Rennen um den Oscar für den besten ausländischen Film schickt.

Damit ist aber die Aufzählung der „Stalingrad“-Highlights praktisch schon am Ende. Während die technische Ausführung – von einigen Nachlässigkeiten abgesehen – dem Weltniveau entspricht, schießt das Werk in emotionaler und künstlerischer Hinsicht völlig daneben. Was wiederum als die eigentliche Sensation des ganzen Projekts einzustufen ist: Immerhin ist die sowjetische Filmgeschichte reich an wirklich bewegenden und emotional starken Werken („Wenn die Kraniche ziehen“, „Geh‘ und sieh‘!“, „Im Morgengrauen ist es noch still“, um nur ein paar davon zu nennen), die das Publikum in allen Teilen der Welt in Tränen ausbrechen ließen.

Gigantisch und emotionsarm

Beim Gigantismus knüpft Bondartschuk (46), der das Handwerk zu Beginn seiner Laufbahn bei Werbeclips  geschliffen hat, sicherlich an seinen verstorbenen Vater, Regie-Klassiker Sergej Bondartschuk, an, der mit seiner Ende der 60er-Jahre gedrehten monumentalen vierteiligen Verfilmung von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ in die Geschichte einging – das Oscar-gekrönte Epos gilt bis heute als der teuerste Film aller Zeiten.

Vieles, was Bondartschuk senior vor 50 Jahren durch einen enormen Aufwand an Menschen und Material bewerkstelligen musste, damit die Massen- und Schlachtszenen auf der Leinwand überzeugend wirkten, erzeugt Bondartschuk junior zu einem beachtlichen Teil wesentlich preiswerter am Computer. Genauso gekünstelt und unecht wirken dafür die Emotionen.

„Schuld“ daran ist aber sicherlich nicht der technische Fortschritt. Als versierter Werbe- und Musikсlipmaсher versteht es nämlich Bondartschuk gut, attraktive Bilder zu erzeugen. So wirken auch in „Stalingrad“ manche Szenen – etwa Nahkämpfe, in denen Soldaten einander in Zeitlupe die Kehlen aufschneiden – eher „schön“ als schrecklich.

Man wird aber den Eindruck nicht los, dass die Filmautoren selbst nicht recht wissen, was sie mit diesem Produkt sagen wollten. Anscheinend waren sie sich dieser Ratlosigkeit „unbewusst“ selbst bewusst. Deshalb lassen sie den „Erzähler“ der Geschichte einen rettungslos banalen Text über „den Wendepunkt der Weltgeschichte“ und „die blutigste Schlacht in der Geschichte der Menschheit“ vortragen, die sich 1942/1943 an der Wolga abspielte.

Sohn von fünf Vätern

Noch plakativer und dazu noch preziös und absurd wirkt die „Rahmenkonstruktion“, mit der die Story eine Brücke zur Gegenwart schlagen soll: Ein älterer Herr aus der russischen Bergungsmannschaft – der „Storyteller“ – rettet junge Touristen aus Deutschland (na klar, schon wieder – wie vor 70 Jahren – müssen die Russen die Deutschen befreien) aus den Trümmern von Fukushima und erzählt ihnen zwischendurch in fließendem Deutsch die Geschichte seiner Zeugung (!), die  in den Trümmern von Stalingrad geschah, und zwar als selbstloser Gruppeneinsatz von fünf Vätern (!).

Die naiven Zuschauer, die sich mit dieser abstrusen Ankündigung zum Filmbeginn auf eine Gruppensex-Szene gefasst gemacht haben sollten, werden enttäuscht sein. In Wirklichkeit geht es um fünf Sowjet-Soldaten und -Offiziere, die zwei Tage lang nahezu unbewaffnet einen halb zertrümmerten Wohnblock gegen die Nazi-Armada zu verteidigen haben.

Die einzige Bewohnerin des Hauses ist ein 18-jähriges Mädchen (die Schauspielerin – eine russische Ausführung der jungen Vivien Leigh), die anscheinend Mutter Heimat symbolisieren soll. Das Verhalten der fünf Männer gegenüber der jungen Dame ist dabei betont respektvoll, brüderlich und fürsorglich. Die Zuschauer müssen sich zur Annahme genötigt fühlen, es handle sich bei der angekündigten Zeugung um eine unbefleckte Empfängnis.

„Liebe, Liebe“

Damit wird die Geschichte um die Stalingrader Schlacht praktisch auf eine Konfrontation von zwei Liebesgeschichten reduziert. Denn auf der Gegnerseite steht der Wehrmacht-Hauptmann Peter Kahn, dem befohlen wurde, dieses Haus zu erstürmen.

Der Darsteller, Thomas Kretschmann, kann sich inzwischen als ein Stalingrad-Veteran ansehen: Seine erste Filmrolle hatte der heute 49-jährige deutsche Schauspieler vor 20 Jahren im Film „Stalingrad“ des Regisseurs Joseph Vilsmeier bekommen.

Der Nazi-Hauptmann verknallt sich nämlich in eine andere, zwar leicht ältere, aber nicht weniger hübsche, betont arisch aussehende Russin aus einer anderen Stalingrader Hausruine, die zu ihrem Unglück seiner heiß geliebten, jedoch bereits an TBC gestorbenen deutschen Ehefrau sehr ähnlich sieht.

Der gestresste Nazi-Offizier sublimiert seinen schmerzhaften Gattin-Verlust mit einer dermaßen hingebungsvollen Leidenschaft zu der Russin Mascha, dass er der schwülstig konstruierten „Liebe“ der fünf russischen Helden zur Russin Katja total die Schau stiehlt.

„Liebe, Liebe“, wiederholt  Kahn in den wortkargen Dialogen mit Mascha. Sie, die kein Wort Deutsch versteht, legt das auf ihre Weise aus: „Libo-libo“ – zu Deutsch: entweder-oder. „Entweder werden mich eure Leute an die Wand stellen oder unsere“, schlussfolgert sie nach einem Rendezvous mit Kahn.

Womit sie buchstäblich den Nagel auf den Kopf trifft: Der russische Scharfschütze – einer von den fünf „Vätern“ – verpasst ihr kurz danach aus seinem Versteck haargenau eine Kugel zwischen die Augenbrauen.

In der Schlussszene erschießen Kahn und sein sowjetisches Pendant – ebenfalls ein Hauptmann und nicht frei vom Verdacht, bei Katjas Zeugung die Finger im Spiel gehabt zu haben – einander.

in anderer russischer Soldat aus den glorreichen Fünf ruft mittlerweile den Stab an, die sowjetischen Bomber sollen den Hausblock dem Erdboden gleichmachen, damit möglichst viele Deutsche, die gerade das Haus erstürmen, in den Tod mitgerissen werden. Die „Mutter-Heimat“-Katja, die kurz zuvor von dem Soldaten in Sicherheit gebracht worden ist, überlebt mit der Zukunft Sowjet-Russlands in ihrem Leib das Desaster.

Das eigentliche Desaster ist aber die Emotionsleere, die das aufwändige Mammutwerk hinterlässt. Daran können weder das Engagement des Starkomponisten Angelo Badalamenti noch die Vokal-Einlage der Star-Sopranistin Anna Netrebko etwas ändern.

Zu wenig patriotisch?

Nicht überraschend wirkt deshalb die Nachricht, der patriotisch gesinnte Zuschauer Pjotr Morosow aus der Wolga-Stadt Samara habe per Internet eine Unterschriftensammlung für das Verbot der Vorführung von Bondartschuks „Stalingrad“ im In- und Ausland gestartet. Wie Morosow betont, wirke der Patriotismus der Sowjetsoldaten im Film nicht überzeugend genug. Einige Aspekte des Films würden eine negative Einstellung zu den Sowjetsoldaten und der Zivilbevölkerung bei den Zuschauern im In- und Ausland aufkeimen lassen.

Der unzufriedene Kinobesucher appelliert an den Kulturminister, die Personen zur Verantwortung zu ziehen, die den Beschluss über die Finanzierung des Projekts getroffen und das Filmdrehbuch in Bezug auf historische Glaubwürdigkeit geprüft haben. Ferner fordert der Patriot, den Antrag auf die Oscar-Nominierung des Films zurückzuziehen. Über 5 000 Unterschriften hat Morosow für seinen Appell bereits gesammelt. (Andrej Iwanowski, Ria-Novosti)

Bild: Ria Novosti/ Art Pictures Studio

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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