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Stadttour als Dostojevskijs Doppelgänger

Von   /  8. Juli 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Fjodor Dostojevski, Verfasser der Petersburger Romane Verbrechen und Strafe und Der Idiot, ist eine der Koryphäen der Stadt. Am 7. Juli wurde ihm deshalb zum dritten Mal ein Ehrentag gewidmet. Ein Anlass zu einem Spaziergang auf seinen Spuren.

Anfang Juli, in der heißesten Jahreszeit…”

Dostojevskij ist im November geboren und im Februar gestorben, dennoch liegt sein Gedenktag Anfang Juli. Die Entscheidung fiel unter Berufung auf seinen Roman Verbrechen und Strafe, der mit folgendem Satz beginnt: “Anfang Juli, in der heißesten Jahreszeit, am Spätnachmittag trat ein junger Mann aus seiner Kammer…”. Anfang Juli begann in Petersburg nicht nur Raskolnikoffs Karriere als Mörder, sondern 1945 auch Dostojevskijs Karriere als Schriftsteller.

Hauptachse des Gedenktages ist der Kusnetschny-Pereulok am Dostojevskij-Museum. Die Straße wurde für den Feiertag um anderthalb Jahrhunderte in die Vergangenheit versetzt. Über den Geschäften hängen statt der aktuellen Namen  verblasste Schilder von “Kaz Weinlager”, dem “Wirtshaus Hauptstadt”, einem “Lager für Militärferngläser”, einem deutschen “Fleisch Mann” oder einem Studio des “Spektakels der elektrischen Welt Lumière”.

Vladimirskaja-Viertel: Dostojevskijs erste und letzte Wohnung

Vor dem Museum mimen Schauspieler “lebendige Porträts” von Dostojevskijs Hauptfiguren. Alle bekanntesten Figuren bekommen einen Solo-Auftritt. Zwischendurch streiten sich Dostjoevskij, Gogol und Puschkin nach der Vorlage von Daniil Kharms‘ Anekdoten. Die Schauspieler karikieren gut, aber es bleibt beim Karikieren. Nicht allen Zuschauern gefällt das. “Ich finde, das passt überhaupt nicht zu Dostojevskij. Dostojevskij sollte düster und grüblerisch sein“, sagt ein Mädchen.

Ein neutraleres Bild vermitteln zwei Exkursionen, die zur Feier des Tages stattfinden. Eine Stadtführung kreist um die Metrostation Vladimirskaja. Dies ist das Viertel, in dem Dostojevskijs erste und seine letzte Petersburger Wohnung lagen. In der ersten Wohnung auf dem Vladimirskii Prospekt 11, Ecke Grafskij Pereulok, schrieb er im Sommer 1945 seinen ersten Roman Arme Leute und wurde damit über Nacht berühmt. In der Wohnung am Kusnetchny-Pereulok, in der sich jezt das Dostojevskij-Museum befindet, lebte er von 1878 bis zu seinem Tod 1881 und schrieb Die Brüder Karamasow.

Terroristen und Doppelgänger

Interessant: Aus  den Fenstern beider Wohnungen sah Dostojevskij auf die Türme der Vladimirskii-Kathedrale. Dostojevskij bezog generell nur Wohnungen mit Kirchenblick. Auch interessant: Am Kusnetschny Pereulok wohnte über ihm einer der größten Terroristen seiner Zeit. A.I. Barannikov war bei allen damaligen Anschlägen auf den Zar der Drahtzieher. Wie I.L.Volgin vermutet, hat sich der Revolutionär wohl bewusst über dem Star-Schriftsteller eingerichtet, damit seine Komplizen in dessen Besucheranstrom untergehen konnten. Dostojevskij bekam zu dieser Zeit so viel Besuch, dass er nur noch nachts schreiben konnte. Tagsüber schlief er bis zum Mittagessen. Wer ihm etwas mitteilen wollte, musste ihm Zettel durch den Türspalt schieben.

Nicht nur Dostojevskij, auch seine Figuren leben in diesem Viertel. An den “fünf Ecken”, wo sich heute Zagorodni-Prospekt und Rubinsteiner Straße schneiden, wohnt die Femme fatale Nasstassja Filipowna. Hier wirft sie die 100.000 Rubel ins Feuer, die Rogozin ihr zum Opfer bringt, und fordert ihren Verlobten Ganja Ivolgin auf, sie mit den Händen wieder herauszuholen. An der Fontanka dagegen macht der neurotische Kleinbürger Goljadkin seinen Herbstspaziergang, auf dem er seinen Doppelgänger trifft. Der hiesige Führer Dmitrii Gamalia erklärt wunderbar, warum der Doppelgänger Goljadkin gerade an der Fontanka erscheint. Man stelle sich einmal die Fontanka im November vor, die Spiegelungen des Wassers, die neblige Luft und die seltsamen Gestalten, die am anderen Ufer entlang ziehen… Die weitere Führunng folgt dem Weg Goljadkins und seines Doppelgängers über den Nevskij-Prospekt bis zum Mariinski-Hospital, seinerseits eine Kopie des Krankenhauses, in dem Dostojevskij in Moskau aufwuchs.

Sennaja-Viertel: Tatort Raskolnikoffs

Die zweite Exkursion erkundet die Umgebung des Sennaja-Platzes: den Tatort des Mörders Raskolnikoff. Zwei Stationen der Route befinden sich auf Gribojedov-Brücken: Die Kokuschkin-Brücke überquert Raskolnikoff schon im ersten Satz des Romans, und dann auf allen seinen wichtigsten Gängen – der Kanal trennt sein Haus sowohl vom Haus der Alten, als auch vom Polizeirevier. Auf der Vosnesenskij-Brücke tanzt die durch den Tod ihres Mannes an den Bettelstab getriebene Frau Marmeladow mit ihren Kindern den Passanten vor. Raskolnikoffs Haus befindet sich auf dem Soljarnii Pereulok 5. Ein deutsches Haus: ein Schild erinnert auf Deutsch an ein Hochwasser.

Wieder einmal war Dostojevskijs Hauptfigur sein Nachbar: Dostojevskij lebte von 1864-1867 in Sichtweite, auf der Kasnatscheiskaja Ulitsa 7.  In diesem Haus schrieb er nicht nur Verbrechen und Strafe, sondern auch den Spieler und die Aufzeichnungen aus einem Kellerloch. Ab der Erzählung Der Spieler schrieb er allerdings nicht mehr selbst, sondern diktierte. Seine restlichen Werke schrieb Anna Grigorjevna, seine Stenografin und später Frau, um deren Hand er in diesem Haus anhielt. Dostojevskij, der Angst vor einer Abfuhr hatte, nahm eine Romanfigur als Vorwand. “Stellen Sie sich vor, dass dieser Künstler – ich, dass ich Ihnen meine Liebe gestände und Sie fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Was würden Sie antworten?” Sie antwortete: “Ich würde antworten, dass ich Sie liebe und Sie das ganze Leben lieben werde.”

Kein Kirchturmblick für einen Mörder

Der Höhepunkt der Exkursion ist das Haus der alten Pfandleiherin, Aljona Iwanowna. Raskolnikoffs fataler Weg zu ihrem Haus führt südlich über die Sadovaja Straße, am Jussupov-Garten vorbei. Das Haus der Alten liegt am Gribojedow Kanal 104. Raskolnikoff betritt den Hof jedoch durch das Tor auf der Podjatscheskaja-Straße, weil sich die Wohnung der Alten direkt neben diesem Eingang befindet. Er schlüpft an einem Heuwagen vorbei unerkannt durch die Haustür und steigt hinauf in den vierten Stock, wo die Alte wohnt.

Nachdem er sie mit einem falschen Pfand geködert hat, erschlägt er erst sie, dann ihre Schwester Lisaweta. Auf dem Rückweg die Treppe hinunter, bereits verfolgt, flüchtet er sich im zweiten Stock in eine zum Malern leerstehende Wohnung. So gelingt es ihm, aus dem Haus zu schlüpfen. Die Führerin erklärt, er habe wiederum nicht direkt zum Gribojedov-Kanal den Hof verlassen, sondern zur Podjatscheskaja-Straße. Der Grund: Vom Ausgang auf den Kanal aus seien die Türme der Nikolo-Bogojavlenskii-Kirche zu sehen. Den Blick hätte Dostojevskij seinem „Helden“ nicht gegönnt.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Swetlana Geier – ein persönlicher Nachruf zum Tod der Dostojewski-Ubersetzerin

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