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Skandalträchtige „Icons“-Ausstellung: Galerist Gelman kritisiert kirchenfreundliche Politik des Gouverneurs

Von   /  8. April 2013  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Das neue Ausstellungszentrum „Tkatschi“ konnte die Ausstellung mit zeitgenössischer religiöser Kunst unbehelligt eröffnen. Der Galerist Marat Gelman hielt einen Vortrag über zeitgenössische Kunst. Unbekannte hinterliessen Drohungen an der Fassade des Gebäudes.


Noch bis am 30. April ist im obersten Stockwerk des „Tkatschi“ die grossflächige Ausstellung „Icons“ zu sehen. Am Eingang und in der Ausstellung stehen zwar Wachleute, und es werden Taschenkontrollen durchgeführt, doch ist die Atmosphäre ruhig. Scheinbar hat sich auch das kritische Publikum davon überzeugt, dass es noch keine Gotteslästerung darstellt, religiöse Motive und Symbole, wie das Abendmahl, das Kreuz oder die Dreifaltigkeit in modernem Kontext darzustellen.

Tumulte religiöser Fanatiker und  „Kosaken“ waren an der Vernissage ausgeblieben, doch sind mittlerweile Schmierereien an der Aussenwand des „Tkatschi“-Gebäudes aufgetaucht, die den Galeristen Gelman als „Leiche“ beschimpfen – die Polizei fandet nach den Autoren.

Marat Gelman hält Vortrag

Gelman hat nach der Ausstellungseröffnung einen Vortrag über zeitgenössische Kunst gehalten, in dem er im wesentlichen den Verlust der Kriterien für Kunst konstatierte. Die Kunst habe die Grenzen zwischen KünstlerInnen und ihrem Publikum aufgelöst. Die Aktualität habe das handwerkliche Können ersetzt – darum sei es heute nicht mehr nötig, fünf Jahre an einer Akademie zu studieren, um Künstler zu werden. Diese hätten das Pedestal verlassen und arbeiteten heute an der äussersten Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst.

Ebenso stark hat sich laut Gelman die Rolle der Museen und Galerien verändert. Er verglich sie mit einem Wohnhaus, indem die Menschen alles Unnötige in den Estrich und alles Wertvolle in die Bibliothek stellten. Nach ihrem Tod stürzten sich ihre Nachfahren auf die verstaubten Dinge im Dachstock, putzten sie und brächten sie in die Bibliothek. Ihre Vorfahren nannten sie Idioten, weil sie den Wert der Sachen nicht erkannt hätten.

Moderne Museen ohne „Estrich“

Genauso hätte früher ein Museum funktioniert, das nach den unerkannten Kunstwerken der Vergangenheit gesucht habe. Aber heute hätte man keinen Estrich mehr, und es müsse sofort entschieden werden, was in Zukunft noch als bedeutend gelte oder nicht.

Anstelle von Kunstkriterien gebe heute das Strafgesetzbuch die Leitplanken für Kunstaktionen vor. Als Beispiel nahm er den Riesenpenis der Gruppe „Woina“ („Krieg“), die zwar illegal gehandelt habe (500 Rubel Strafe wegen Vandalismus), aber Weltöffentlichkeit für einmal kein „Postkartenbild“ der Stadt gezeigt habe.

Aktualität wichtiger als Können

Gelman sprach auch das Thema Politik an und stellte fest, dass Bevölkerung und Regierung verschiedene Dinge wollten – Modernisierung und Rückkehr zum Alten. Obschon es Kompromisse gebe, werde sich dieser Widerspruch sehr bald bemerkbar machen. Gelmans Position ist relativ neu, engagierte er sich doch zwischen 2010 und 2012 zusammen mit der Kreml-Partei „Einiges Russland“ in der Bewegung „Kulturalianz“.

Auch die Petersburger Stadtregierung wurde indirekt kritisiert. Gelman macht die kirchenfreundliche Politik von Gouverneur Georgi Poltawtschenko dafür verantwortlich, dass religiöse Fanatiker sich so weit vorwagten und den Ausstellungsmachern von „Icons“ drohten. Es sei nicht Sache der Regierung zu entscheiden, was gut und was schlecht sei – das sollten die Beamten den Fachleuten überlassen. Die aktuelle Politik habe dazu geführt, dass zwischen der Petersburger Intelligenz und der Regierung ein Graben entstanden sei, so der Galerist.

Bild: Eugen von Arb

www.fontanka.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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