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Sergei Schnurow – ein Petersburger Lausbub macht Kunst

Von   /  13. März 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Das Petersburger Museum „Erarta“ zeigt eine Ausstellung des skandalumwitterten Rockmusikers und „Leningrad“-Bandleaders Sergei Schnurow. Seine exzentrisch-witzige Ausstellung spiegelt den Charakter eines „Lausbuben“ aus der russischen Kulturhauptstadt wieder, der auszog, um Karriere und Skandale zu machen und dabei von einer Erfolgswelle auf die nächste hüpft.

Das Bild des saufenden Verkehrspolizisten aus dem Videoclip „V Pitere pit“, mit dem die Band „Leningrad“ im vergangenen Jahr Furore machte, begrüsst die Besucher gleich am Anfang. Es ist wie die ganze Ausstellung skandalös, unerhört – und vor allem sehr erfrischend.

So wie Schnurow selbst. Wer den schlecht rasierten, kratzbürstigen Musiker sieht, dem kommt unweigerlich die Comicsfigur „Fritz the Cat“ in den Sinn – ein Kater, der ausser Rammeln und Rumsaufen nichts im Kopf hat. Schnurow pflegt dieses Image nach Kräften, zum Beispiel in dem er völlig schamlos in einem TV-Reklame-Clip für ein russisches Potenzmittel à la Viagra auftritt. Das Thema Nr.1 wird in einer Installation besonders schön umgesetzt, in der sich Tauben neben einer für Piter typischen auf den Boden gesprayten Prostituierten-Werbung tummeln – „Lubov“ (Liebe).

Fluchen kann so schön sein!

Aber er rammelt und säuft nicht nur gerne, sondern flucht auch was das Zeug hält und benutzt dabei – nein wie garstig (!) – die russische Schimpfsprache „Mat“, die offiziell verpönt und zensuriert, in der Praxis jedoch von den meisten gern und oft angewandt wird. Fluchen kann so schön sein! Der ehemalige Kunstfälscher und PR-Manager versteht es meisterhaft aus seiner Band und seiner Person eine Marke zu machen – eine, die für Petersburg steht.

In seinen Bilder, die in verschiedenen Techniken und Mischtechniken, lässt ganz im Stil Chagalls eine dicke Oma über die Dächer seiner Stadt fliegen. In einem weiteren Stadtpanorama streckt sie einem ihren Hintern entgegen. Gleich um die Ecke – versteckt und darum um so interessanter – pinkelt eine Teenagerin mit ihrem Mops an der Leine ins Gras – eine zeitgenössische Petersburger Vedute ganz im Stile Schnurows.

Von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen

Schnurow versteht es meisterhaft, von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen zu springen, ohne sich dabei zu bekleckern aber gleichzeitig die nötig Publicity zu bekommen. Das gilt auch für seine politisch-satirischen Arbeiten, die einerseits direkt und unverblümt, gleichzeitig aber immer ausserhalb der Reichweite von Zensur und Strafverfahren liegen.

Mit riesigen, grau-schwarzen Buchstaben stellt er die peinliche Antwort dar, die Premier Medwedew 2016 russischen Rentnern auf der Krim auf die Frage gab, wann die Renten erhöht würden: „Geld haben wir keins (mehr). Aber haltet durch und alles Gute!“ Den zweiten Teil der Aussage wurde durch teilweise umgefallene Buchstaben dargestellt, was für sich spricht.

Auch vor Vitali Milonow, dem Petersburger Duma-Abgeordneten, Populisten und religiösen Fanatiker, der als Autor des Anti-Homosexuellen-Propaganda-Gesetzes berühmt wurde, macht er keinen Halt. Er stellt seine Visage sehr eindeutig vor einem regenbogenfarbigen Hintergrund dar. Die Lust am Tabu wirkt ansteckend, deshalb strömen die Petersburger in Massen in die Ausstellung, auch wenn man sich sowas natürlich nicht anschaut. Pfui – wie schön!

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Bis 9. April. Erarta Museum. 29. Linie Vasilievsky Ostrov , 2. Tel .: +7 812 324 08 09.  www.erarta.com

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„Saufen in Piter“ – ein Video-Clip der Gruppe „Leningrad“ sorgt für Furore

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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