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Sergei Lopatenok: “Der Mauerfall war das einschneidenste Erlebnis meines Lebens”

Von   /  25. März 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Deutschland hat einen Freund in Petersburg – einen bessern findet man nicht. Sergei Lopatenok hat viele Jahre in der DDR gelebt, Land und Leute lieben gelernt und ihnen die Freundschaft gehalten. Gefördert wurde er darin von seinem Vater, der den Respekt vor den Deutschen bewahrte, obwohl er im Krieg gegen sie kämpfte.


Ein Schnurrbart, zwei blitzende Augen, rote Backen und eine einfache Wollmütze – so ein Gesicht könnte ich mir in Hamburg,  Cuxhaven oder Rostock vorstellen. Es kommt auch aus dem Norden, aber aus dem russischen und gehört dem Petersburger Journalisten Sergei Lopatenok. Er kennt Deutschland fast von Geburt an – 1961 kam er als Säugling nach Potsdam in der DDR, wo sein Vater als militärischer Gerichtsmediziner der Roten Armee stationiert war.

Im Park von Sanssouci gepinkelt

Doch im Unterschied zu den meisten der dort stationierten Russen lebte die Familie nicht in der geschlossenen Garnison, sondern in einem eigenen Haus mitten in Potsdam. “Im Park von Sanssouci habe ich als kleiner Junge zwischen den Büschen gepinkelt”, meint Lopatenok nostalgierend.

Der kleine Sergei ging in einen deutschen Kindergarten und hatte deutsche Freunde. “Ich erinnere mich genau daran, wie ich zum Mittagessen als einziger Russe unter Deutschen ein Stück Brot zur Suppe bekam”, schmunzelt er. Jeweils mittwochs spielte er mit seinen Freunden zuhause, und je nachdem, bei wem man war, wurde nur Russisch oder nur Deutsch gesprochen. “Ich höre noch jetzt den Akzent, meines Freundes beim Essen: “Maslo, Jabloko, Moloko.”

Vater wird wegen Freundschaft zu Deutschen gerügt

Der Vater wird für seine lebensnahe Auslegung der deutsch-sowjetischen Freundschaft gerügt, aber das beeindruckt ihn nicht. Obwohl er als junger Mann an der Leningrader Front gegen die Deutschen gekämpft hat, will er sein Kind mit diesem Volk und seiner Kultur anfreunden – warum? “Er liebte die deutsche Kultur und hatte grossen Respekt vor den Deutschen, weil er wusste, dass sie in der Geschichte seiner Heimatstadt eine wichtige Rolle gespielt hatte und ausgezeichnete Lehrer waren”, erklärt Lopatenok.

Den vier Jahre in Potsdam folgen weiter fünf in Magdeburg. Ein gute Kindheit mit guten Freunden. Lopatenok bleibt der deutschen Sprache treu, und studiert später Germanistik an der Leningrader Herzen-Uni. Kurz darauf kehrt er zurück in die DDR – wieder als Besatzungssoldat und wieder mit Familie, diesmal mit der eigenen.

Wegen seiner guten Sprachkenntnisse leistet er seinen Dienst bei der militärischen Aufklärung der Roten Armee in Thüringen, wo alle Informationen über Truppenbewegungen der Nato jenseits der Grenze gesammelt werden.

Möbelkauf mit der Generalsgattin

Weil dazu auch Berichte in West-Medien gehören, kommt er problemlos an westdeutsche Zeitungen und auch ans Westfernsehen. Aber auch als Dolmetscher ist er gefragt: “Einmal musste ich der Frau eines Generals beim Möbelkauf behilflich sein. Oder ich begleitete Offiziere, die sich eine Geschlechtskrankheit eingefangen hatten zum Arzt. Während der Untersuchung musste ich dann durch den Vorhang übersetzen – das war eine groteske Situation!”

Auch sein Sohn geht in einen deutschen Kindergarten, was nicht ganz unproblematisch ist, weil der nächste Kindergarten zu einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gehört und nur Kindern der Angestellten offen steht. “Wir brauchten einen Kindergartenplatz, und der LPG fehlte es an Arbeitern. Darum ging meine Frau einfach in die LPG arbeiten, und die Sache war erledigt – eine korrekte, deutsche Lösung!”

Russen verstanden nicht, was an der DDR schlecht sein sollte

Auch im Herbst 1989, als es in der DDR schon rumort, ist er noch dort. “Die Lage für die Russen war schwierig”, schildert Lopatenok die gespannte Situation. “Einmal bat uns die DDR-Polizei um Panzer für Strassensperren gegen mögliche Demonstrationen. Ich erklärte meinen Vorgesetzten, was im Land vor sich ging und konnte sie davon abhalten.”

Schon einmal in der Kindheit hat Lopatenok ähnliches erlebt: “Ich erinnerte mich an den Tag im Sommer 1968 als plötzlich zwei Wachsoldaten vor unserem Haus in Magdeburg standen und mein Vater in Felduniform erschien. Später verstand ich, dass damals der Prager Frühling mit Panzern niedergeschlagen worden war – und nun hatte ich Angst, dass sich das wiederholen würde.”

Was am 9. Oktober passiert, erschüttert den jungen Russen: “Der Mauerfall war das einschneidenste Ereignis meines Lebens!” Im Gegensatz zu vielen Landsleuten weiss er, was die Wiedervereinigung für die Deutschen bedeutete. “Die Russen verstanden nicht, was an der DDR schlecht sein sollte, weil man dort im Gegensatz zur Sowjetunion alles kaufen konnte”, erklärt er.

„Im Sport sind nicht Sekunden, Meter oder Tore wichtig, sondern die Menschen“

Auch in Russland beginnt eine neue Zeit – 1991 bricht die Sowjetunion auseinander. Nach seiner Dienstzeit kehrt Lopatenok zurück nach Russland, um erst als Lehrer und dann in seinem Traumberuf als Sportjournalist zu arbeiten. Bei der neu gegründeten Zeitschrift “Mensch, Sport, Zeit” kann er einsteigen. Ausserdem nimmt er an einem Förderprogramm für Journalisten teil und praktiziert bei Gruner und Jahr in Hamburg. Heute ist er beim Wochenmagazin “Gorod” (“Die Stadt”) und bei der Tageszeitung “Sankt Peterburgskie Vedomosti” als Redaktor beschäftigt.

Seine Leidenschaft für den Sport ist ungebrochen. “Wichtig sind für mich nicht Sekunden, Meter oder Tore, sondern die Menschen”, so lautet seine Maxime. Doch in der Sportwelt hat sich vieles verändert. “Leider ist es sehr schwierig geworden, an die Sportler heranzukommen”, meint er etwas bitter. “Früher konnte man die Spieler von FC-Zenit vor der Garderobe interviewen. Heute muss ich vorher zehn Fragen einreichen, von denen die Hälfte gestrichen werden.”

„Ich liebe Ordnung und Pünktlichkeit“

Er ist mit Deutschland in Kontakt geblieben, hat deutsche Freunde in Petersburg und teilt seine Interessen mit ihnen. “Ein Freund, der auf dem Generalkonsulat arbeitete, gab mir immer den “Kicker”, wenn er ihn durchgelesen hatte.” Während der Fussball-WM 2002 hilft er mit, eine WM unter den Petersburger Konsulats-Angestellten zu organisieren.

Er fühlt sich als eine Art Kulturbotschafter, seine Sympathie für die Deutschen hat sich erhalten. Er sieht regelmässig die deutsche Tagesschau per Satellitenfernsehen, schaut sich deutsche Filme an, liest deutsche Bücher und Zeitschriften. “Wahrscheinlich mag ich die Deutschen, weil ich bin wie sie – ich liebe Ordnung und Pünktlichkeit”, gesteht er lachend.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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