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Schneechaos in Petersburg – die Gouverneurin rüttelt Räumdienste mit Überraschungsbesuch wach

Von   /  15. Januar 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Seit mehr als zwei Wochen erlebt St. Petersburg einen Rekordwinter, doch erst seit gestern hatte man das Gefühl, es würde endlich ernsthaft etwas gegen die Riesenschneelawine unternommen. Plötzlich wird überall geschaufelt und geputzt – was ist passiert? Ganz einfach: Die Chefin, Gouverneurin Valentina Matwijenko, unternahm gestern in russischer Manier eine Überraschungsvisite im Stadtzentrum und machte den Leuten Beine.

Was sie während ihres Rundgangs in der Umgebung der Metrostation „Dostojewskaja“ zu sehen bekam, bestätigte lediglich das absolute Fiasko in der Schneeräumung, das die Stadt seit Wochen lähmt: verschneite, vereiste oder mit willkürlichen Schneehaufen zugeschüttete Hinterhöfe und Trottoirs, meterlange, lebensgefährliche Eiszapfen an allen Dächern, ungenügende Sicherheitsmassnahmen, und, und und… Matwijenko setzte den Verantwortlichen eine Frist bis am 1. Februar, um für Ordnung zu schaffen und drohte mit personellen Konsequenzen, bei Nichterfüllung.

Alles, was schief gehen kann, ging schief

Während des verschneiten Jahreswechsels ging so ziemlich alles schief, was in einer solchen Situation schief gehen kann. Erstens Organisation: Die Räumarbeiten verliefen nicht nur ungenügend, sondern völlig unkoordiniert. Seit der Perestroika ist der einstmals streng zentralistisch organisierte Strassenreinigungsdienst in rund ein Dutzend private oder halbprivate Organisationen aufgesplittert, die nichts von einander wissen. Selbst höchst willkommene Hilfsangebote des russischen Katastrophenschutzes MTschS, der momentan im Erdbebengebiet in Haiti Bergungsarbeiten leistet, mussten wegen fehlender Bewilligungen abgesagt werden. Was am anderen Ende des Erdballs funktioniert, scheitert im eigenen Land an der Bürokratie.

Zuwenig „Dworniki“

Zweitens Personal: Während in Leningrads Strassen einst bis zu 18 000 „Dworniki“ (Strassenwischer) einen mehr oder weniger disziplinierten Dienst leisteten, sind heute offiziell 6500 als Angestellte privater Firmen in dieser Funktion tätig. Es ist weithin bekannt, dass viele von ihnen so genannte „Tote Seelen“ sind – das heisst, dass eine fiktive Person eingestellt wird, deren Lohn in die eigene Tasche der Firma fliesst, während ein Gastarbeiter ohne Papiere für 150 Rubel Tagesverdienst die Drecksarbeit verrichtet. Darum wurde vielerorts schlecht bis gar nicht Schnee geräumt.

Dringender Aufruf: 2000 Hilfskräfte gesucht

Zwar erging vor zwei Tagen ein dringender Aufruf für 2000 zusätzliche Schneeräumer, doch fragt sich, ob sich genügend Personal für die beschwerliche und schlecht bezahlte Arbeit finden lässt. Drittens Technik: Die Räumfahrzeuge der Stadt sind nicht nur grösstenteils veraltet, sondern auch kaum vorhanden. Im Vergleich zu Petersburg mit seinen rund 1500 Spezialfahrzeugen, verfügt Moskau über das zehnfache an Ausrüstung.

Wohin mit dem Schnee? In den Kanal!

Viertens Wetter: Als einzige Entschuldigung für ihr offensichtliches Versagen führen die Verantwortlichen gegenüber den Medien den Rekordwinter an – einen solchen Winter habe es seit 130 Jahren nicht mehr gegeben, sagen sie. Dabei bestätigen sogar Meteorogen, dass es vor nicht so langer Zeit ähnlich harte Winter gegeben habe – zum Beispiel 1982. Fünftens Entsorgung: Nicht allein die Räumung, sondern auch das Wegschaffen der weissen Masse ist ein Riesenproblem. An einigen Stellen, zum Beispiel unmittelbar vor der Blutskirche, kippte man den Schnee gleich tonnenweise in die zugefrorenen Kanäle, was Umweltschützer empörte.

Wohin sind Budgetgelder für Schneeräumung gekommen?

Sechstens Geld: Was, so fragen sich die Stadtbewohner empört, ist mit den Budgetgeldern von jährlich rund vier Milliarden geworden, die in den vergangenen Jahren für die Strassenreinigung bewilligt worden waren? Immerhin haben die glitschigen Gehwege bisher für rund 550 Unfälle mit Brüchen und Gehirnerschütterungen gesorgt. Bei der Schneeräumung auf einem Dach stürzte ein ungenügend gesicherter Arbeiter in den Tod. Dafür, dass das Winterchaos nicht so schnell „Schnee von gestern“ sein wird, sorgt bestimmt der Frühling, wenn sich der viele, viele Schnee in noch mehr Wasser verwandeln wird.

www.fontanka.ru

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  • Veröffentlicht: 9 Jahren vor auf 15. Januar 2010
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Januar 15, 2010 @ 6:57 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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